Aleś Rybak

Die Heimkehr

Bevor sie und Lesik geholt wurden, hatte Volha den ganzen Tag und die ganze Nacht das Gefühl eines drohenden Unglücks.

Tags zuvor waren mitten in der Nacht, als draußen der Wind um das Haus gepfiffen und harten Schnee gegen die Fensterscheiben geschleudert, irgendwo nah im Wald Wölfe geheult hatten, Iwan und noch drei Partisanen gekommen.

Volha hatte ihren Mann seit mehr als einem Monat nicht gesehen, daher freute sie sich sehr, eilte gleich in den Flur, um etwas zum Essen zu holen, Aber Iwan sagte, sie hätten keine Zeit, sie hätten etwas Dringendes zu erledigen, und wenn alles gut ginge, würde er bald wiederkommen.

Die Partisanen aßen ein paar Stückchen gefrorenen Speck, Zwiebeln und Kartoffeln - Brot gab es keins - rauchten eine Zigarette und machten sich auf den Weg. Iwan zog die aufgequollenen Stiefel aus, die nichts mehr taugten - die Sohle am rechten war mit einem Bindfaden angebunden, auch der linke hielt nur mit knapper Not - zog die alten, geflickten, aber warmen Filzstiefel an und ging ins kleine Nebenzimmer, wo Lesik in der Wiege neben dem Ofen schlief. Er küsste den Sohn sanft auf die Stirn, weidete sich einen Augenblick an ihm, dann umarmte und küsste er Volha, die stumm und mit gesenktem Kopf dastand.

Volha wollte ein Stück mitgehen, aber Iwan ließ sie nur bis zum Tor. Die Schneewehen waren zaunhoch, auch der abends freigefegte Weg zum Tor hinter dem Stall war fast kniehoch mit Schnee verweht.

Das Schneegestöber legte sich nicht. Volha stand am Tor und starrte wehmütig in die haferschleimige graue Finsternis, die Iwan verschlang.

Nachmittags kam Adola vom Nachbargehöft und sagte leise, fast flüsternd, als könnte jemand sie hören, dass nachts ein deutscher Militärzug mit Panzern und Geschützen in die Luft gejagt worden sei... Schon in den frühen Morgenstunden wäre im Nachbardorf Tschubauka eine Menge Deutsche und Polizisten eingerückt. Was sie dort vorhatten, wusste keiner. Dass sie bloß kein Unheil anrichteten!

Nach einigem Weh und Ach stelzte Adola durch den tiefen Schnee zu ihrem Haus zurück. Blaß stand Volha am Fenster, biss sich schmerzhaft auf die Lippen. Über die Nachricht vom gesprengten Militärzug freute sie sich, doch sie wusste sehr wohl, wer da seine Hand im Spiel hatte. Was Adola über die Deutschen in Tschubauka berichtete, beunruhigte sie sehr. So mir nichts, dir nichts würden sie nicht kommen, so nicht.

Diese Nacht fand Volha keinen Schlaf. Sie stand in der Küche am Fenster und lauschte in Richtung Tschubauka. Manchmal schien sie das Drohnen eines LKW zu hören, stürzte ins Nebenzimmer, wo Lesik im süßen Schlaf schnaufte, stellte sich vor die Wiege, bereit, jeden abzuwehren, der sich dem Kind näherte.

Erst im Morgengrauen legte sie sich, völlig entkräftet, ohne sich auszuziehen, aufs Bett und schlief sofort ein. Lesik weckte sie: Er hatte Hunger. Volha stillte das Kind, wickelte es in frische Windeln und holte Brennholz aus dem Schuppen.

Dort hörte sie nicht, wie zwei Deutsche und ein Polizist ins Haus traten. Kurz darauf fing Lesik an zu weinen, und sie eilte ins Nebenzimmer. Der Polizist - Volha kannte ihn nur vom Sehen - wagte nicht, ihr zu folgen, blieb an der Schwelle stehen und befahl ihr laut, so dass die Deutschen es hören konnten, das Kind und sich selbst anzuziehen.

"Was soll ich mit dem Baby in Tschubauka?!", rief sie verzweifelt.

"Also los, und keine Widerrede", zischte der Polizist. "Hast lange genug in deinem Wespennest gesessen".

An das, was geschah, bis man sie mit Lesik und den anderen in eine Korndarre trieb, konnte sie sich nur schwach erinnern, sie dachte nur an Iwan: Wo mochte er sein? Wie durch einen Schleier, als ob das eine Ewigkeit zurücklag, sah sie den Weg nach Tschubauka, den hohen Schnee, und wie ein Polizist sie stieß, weil sie kaum noch laufen konnte, und wie sie unter lautem Gejohle der Soldaten in eine Schneewehe fiel. Nur gut, dass sie ins Weiche stürzte, so dass Lesik sich nicht weh tat. Er weinte nicht. Ihre Handschuhe und Filzstiefel waren schneenass.

Erst in der Korndarre, die trostlos und verlassen an der Straße, rund zweihundert Meter vor Tschubauka, stand und in die man Frauen mit Kindern und Alte trieb, erst dort verstand Volha aus Gesprächsfetzen, dass das alles Partisanenfamilien waren.

Das Dach der Korndarre war wie ein Sieb, und durch die Latten, an denen hier und da Strohfetzen hingen, rieselte vom niedrigen grauen Himmel Schneepulver herein. Auch durch die Ritzen der Wände, die einst mit Moos abgedichtet waren, blies scharfer Wind, der einem die Kälte durch Mark und Bein trieb. Es gab keine Rettung vor der Kälte, und die Frauen flehten zu Gott, er möge sie schnell von dieser Qual befreien und ihnen den Tod schicken.

Sie verkrochen sich in eine Ecke, wo ein Haufen altes, von Mäusen zerfressenes Stroh lag, und schützten die Kinder mit ihrem Körper vor dem Wind, zogen die warmen Sachen aus und mummten die Kinder ein.

Bald trieb man sie durch das Dorf, in dem die deutsche Garnison stationiert war, und weiter. Die frierenden, entkräfteten Menschen hielten sich kaum noch auf den Beinen. Allerdings lief es sich auf der. Straße leichter, obwohl auch hier viel Schnee lag. Allen voran fuhr ein LKW mit Deutschen und hinterließ tiefe Radspuren. Die Polizisten - von denen gab es auch nicht wenige - gingen hinten, trieben die Zurückbleibenden mit Gewehrkolben und Schimpfworten an.

Sie ließen ein Feld hinter sich, die Straße führte zunächst durch einen jungen Kiefernwald, aber bald lösten ihn schlanke hohe Kiefern ab. Der Wind war hier nicht so stark, nicht so durchdringend, es wurde etwas wärmer.

Während die Beine vom Gehen wieder etwas warm wurden, hatte Volha kaum noch Gefühl in den Händen, Doch an sich selbst und daran, wohin man sie trieb, dachte sie am wenigsten. Sie drückte Lesik fester an sich und versuchte, die Babydecke zurückzuschlagen, um auf das Gesichtchen einen Blick zu werfen. Die frostklammen Hände wollten ihr nicht gehorchen, und Volha flehte, die blau gewordenen Lippen lautlos bewegend, das Söhnchen an, noch etwas Geduld zu haben. Worauf sie hoffte, wusste sie selbst nicht, es war wie ein schwerer, qualvoller Alptraum, ein unbegreiflicher Dämmerzustand.

Erst als vorn, etwa einhundert Meter weiter, eine Detonation donnerte, schreckte sie zusammen und hob den Kopf. Eine unsichtbare Kraft schleuderte die Eichenbretter der Brücke in die Luft, der schwere Wagen mit Soldaten stürzte in einen tiefen Graben.

Aus dem Gebüsch links von der Straße schrie jemand aus Leibeskräften: "Frauen, auf den Boden werfen!" Volha begriff endlich, was das alles zu bedeuten hatte, und eilte mit Lesik auf dem Arm durch den tiefen Schnee die steile Böschung hinab.

Fast in der gleichen Sekunde zerriss eine MG-Garbe die Luft.

Am Anfang die Freude des Wiedersehens mit Iwan. Dort, tief im Wald, nachdem das Schreckliche vorbei war, küssten sie sich ungeniert vor aller Augen, weinten, ohne sich der Tränen zu schämen. Iwan setzte sie in einen Schlitten, mummte sie in einen warmen Schafpelz ein, hielt mit der einen Hand Lesik und strich mit der anderen über ihre Wangen. In dem hastigen Durcheinander wich die Sorge um das Kind, es schien, die größte Gefahr sei vorüber, sie würden gleich irgendwo eine warme Ecke finden, Mutter und Vater würden ihren Kleinen behüten.

...An den wilden Schrei, der sich Volha nach einer vierstündigen Fahrt durch den Wald im Partisanenlager entrang, als sie in einer Erdhütte sah, dass Lesik tot war, konnte sie sich nicht erinnern. Iwan erzählte ihr es einen Monat später.

Als sie Lesik beerdigten, schien es, dass sie es irgendwie überstehen würde, obwohl das Unglück sie betäubte und niederdrückte. Sie selbst wählte unweit des Lagers eine Stelle für das Grab - eine kleine runde Waldwiese, von Birken umstanden, und in der Mitte zwei jahrhundertealte Rieseneichen, Ringsum lag wie eine große und dicke weiße Decke Schnee. Man konnte sich aber gut vorstellen, wie still und grün es hier im Frühling sein würde.

Lesik wurde nicht in einen Sarg, sondern in eine Mulde gelegt, die man mit Sperrholz zuzimmerte. Iwan fiel schon damals ihr unbeteiligter, gleichgültiger Blick auf. Sie weinte keine einzige Träne, als würde da nicht ihr Söhnchen, sondern ein ganz fremdes, unbekanntes Kind in die Erde gelegt.

Danach wurde sie krank. Mit glasigen Augen starrte sie in die Ferne, aß und sprach nicht erkannte fast keinen. Der Feldscher der Partisanenabteilung, ein alter bärtiger Mann, breitete hilflos die Arme aus, er wusste keinen Rat. Volha magerte ab, ihr Gesicht wurde gelb. Iwan saß Tag und Nacht neben ihr. Der Abteilungskommandeur hatte Mitleid mit Volha und gab ihm keine Aufträge.

Ein Jahr später, um die gleiche Zeit, führten bekannte und unbekannte Pfade sie zu ihrem Haus.

Der Abschied von Iwan fiel schwer. An ihrem letzten Abend sprach er davon, wie alles sein würde, wenn sie den verhasste Feind endgültig verjagt hätten. Jetzt war er zwar weit zurück geworfen, mordete, verbrannte und plünderte aber immer noch. Deshalb durfte Iwan die Abteilung nicht verlassen. Sie aber musste nach Hause, in das befreite Heimatdorf, auf ihr Haus aufpassen, wenn es noch stand. Vielleicht würde sie etwas säen, schließ1ich musste man weiterleben. Sie habe genug gekämpft, genug Unglück erlebt. Ein ganzes Jahr lang hatten sie gemeinsam ihr Leben riskiert, zusammen Aufträge erfüllt und, von Wolfshunden gehetzt im Sumpf abgewartet. Aber sie waren am Leben geblieben.

Dennoch warnte Iwan, riet, nur durch bevölkerte Orte zu ziehen, nicht wahllos irgendwo zu übernachten, sie könnte doch noch einem davongekommenen Faschisten oder einem Polizisten begegnen, womöglich auch auf ein Rudel hungriger Wölfe stoßen. Die hatten sich während des Krieges stark vermehrt.

Gegen Abend, als es dunkel und die dicke, am Tage warm gewordene Luft leicht frostig wurde, wie es hier Ende März oft vorkommt, erreichte sie ihr Dorf. Die Tannen und Kiefern längs der Straße standen stumm und nachdenklich da, ihre Stummheit war geradezu unheimlich.

Von der Korndarre, in die die Faschisten sie getrieben hatten war nur noch verkohltes Holz geblieben. Olga verlor beinahe das Bewusstsein; nach dem schweren, fast dreitägigen Marsch trugen die Beine sie kaum noch, und mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht.

Obwohl es schon dunkelte, sah sie das Schreckliche: Tschubauka gab es nicht mehr. Nur skelettähnliche Schornsteine der halb zerstörten Öfen hoben sich schwarz vom Horizont ab. Irgendwo wimmerte ein verwilderter Kater. Und die Menschen? Was haben die Faschisten mit ihnen gemacht? Ist denn keiner mehr am Leben.

Volha war dem Ersticken nahe. Sie nahm eine Handvoll Schnee, presste ihn ans Gesicht, hielt sich die nasse, halberfrorene Hand ans Herz. Das verschaffte ihr Erleichterung. Doch weitergehen konnte sie nicht. Sie nahm den Schultersack mit all ihrer Habe ab - einem halben Laib Brot, ein paar Pellkartoffeln, zwei Stück Seif, etwas Salz, einer Schachtel, Streichhölzern und noch einigen Kleinigkeiten -, setzte sich auf ihn, denn am Ende des Marsches lastete er doch schwer auf ihren Schultern.

Wohin sollte sie nun gehen? Wenn die Faschisten so ein Dorf wie Tschubauka mit einer Siebenklassenschule, einem Dorfsowjet und einem Laden völlig vernichtet hatten, so war wohl von ihrer Gehöft überhaupt nichts mehr übrig.

Mit bleischweren Gliedern erhob sie sich und hängte sich der Schultersack um. Durch Tschubauka, durch das, was von ihm geblieben war, wollte Olga nicht gehen. Sie bog ab und watete durch den abgesackten, aber noch tiefen Schnee.

Inzwischen war es stockdunkel geworden, doch sie fürchtete nicht, sich zu verlaufen, und ging geradeaus übers Feld. Sie hätte mit verbundenen Augen den Weg zu ihrem Hof gefunden. Jeden kleinen Hügel und jede Mulde, jeden Stein, jeden Busch erkannte Volha schon von weitem wieder, obwohl ihre Umrisse unklar, verschwommen waren.

Es roch nach Rauch, und in der sehnsuchtsvollen Hoffnung stockte ihr das Herz: Stand ihr Haus wirklich noch, wird sie wirklich die Schwelle ihres Heimes betreten?

Da hob sich auch schon schwarz Tamaschs Gehöft ab. Über dem Schornstein war sogar im Dunkeln weißer Rauch zu sehen. Adola machte ihrem einbeinigen Tamasch wahrscheinlich das Abendessen, seine Klöße. Da war auch ihr Haus! Aber was war das? Warum brannte in der Küche schwaches Licht? Wer mochte sich bei ihnen einquartiert haben?

Vielleicht sollte sie zunächst zu Adola, überlegte Volha. Sie wollte möglichst schnell alles über Tschubauka wissen, Gleichzeitig würde Adola auch andere Neuigkeiten berichten. Vor allem natürlich, wer in ihr Haus gezogen ist...

Adola hantierte in der Küche an einem schartigen Kübel. Gebückt wusch sie Kartoffeln und legte sie in einen gusseisernen Topf. Als Volha ins Haus trat, sah sie sie nicht einmal an. Volha wollte gerade guten Tag sagen, da brummte Adola, ohne den Kopf zu heben:

"Wo treibst du dich den ganzen Abend herum? Brennholz hast du auch keins geholt. Ich soll wohl allein hier mit allem fertig werden?!"

Volha räusperte sich, und Adola richtete sich jäh auf. Ohne Olga zu Wort kommen zu lassen, legte sie los:

"Volha?! Am Leben?! Ich dachte, das wäre mein Trödelfritze... Noch bei Tageslicht ist er zu Horasch nach Streichhölzern gegangen und immer noch nicht zurück. Was macht er dort so lange?" Verwirrt und freudig umarmte sie Olga, drückte ihr tränennasses Gesicht an das ihre. "Ich hatte schon keine Hoffnung mehr, dass wir uns je wiedersehen würden... Ich wusste zwar, dass die Partisanen euch damals an der Brücke aus der Not geholfen hatten. Das ist aber schon lange her!"

Sie setzten sich auf die Bank und weinten. Volha berichtete von sich, von Lesik, davon, was nachher war. Adola wischte sich mit der Schürze die Tränen ab.

"Tschubauka... Wie war das... Haben sie alle..?", fragte Olga schließlich.

Adola hielt inne, ihr Gesicht wurde kreideweiß, die Hände zitterten.

"Na los, red schon!", schrie Olga, und ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor.

"Du hast es ja gesehen, bist vorbeigekommen... Das war vor kurzem... Vor etwa zwei Monaten... Kamen wie Aasgeier in schwarzen Uniformen geflogen... Wollten herausfinden, wer den Dorfältesten abgeknallt hatte. Wer aber konnte das gesehen haben. Es war ihm ganz recht geschehen, dem Hund... " Adola schwieg eine Weile. "Sie trieben alle Einwohner von Tschubauka in die Korndarre und verbrannten sie bei lebendigem Leibe. Auch die Kinder und die Alten. Alles sollten sie büßen: die Hilfe für die Partisanen, den Hass gegen die neue Macht und dass fast alle Männer und Burschen entweder in die Armee oder in den Wald gegangen waren".

Volha saß starr da, in ihrem abwesenden Blick staute sich so viel Unglück, dass Adola um sie bangte, Adola stand auf und schlug die Hände zusammen.

"Na so was, habe dich nicht einmal empfangen, wie es sich gehört! Leg doch ab, Olga, bei mir ist's warm, Gott sei Dank. Gleich muss auch Tamasch kommen, essen zusammen Abendbrot! Die Klöße sind bald fertig".

"Ich muss gehen", sagte Volha entschlossen, und Adola erkannte an ihrer Stimme, dass sie wissen wollte, wer da in ihrem Haus wohnte.

Wie zur Rechtfertigung schluchzte Adola auf.

"Die Frau eines Polizisten... wohnt dort... mit einem Kind. Die sind von irgendwo weit. Wollten mit den Deutschen flüchten. Ich sagte ihnen, dass ihr zurückkommen würdet. Dieser Polizist hätte mich dafür beinahe umgelegt. Drohte mir mit der Pistole. Zitterte aber selbst vor Angst: War höchste Zeit, die Beine unter die Arme zu nehmen, die Unsrigen drängten, ließen den Schweinehunde keine Atempause! Da war noch seine schwangere kranke Frau. Er ließ sie hier allein mit dem Jungen zurück".

Olga durchfuhr es wie ein Blitz.

"In meinem Haus? Die Frau eines Polizisten?"

Außer sich griff sie nach dem Schultersack und stürzte hinaus. Sie spürte weder die Müdigkeit noch den Schmerz in den Beinen. Mit schweren entschlossenen Schritten, hier und da bis an die Knie im Schnee versinkend, ging sie auf ihr Haus zu. Ein Gedanke, ein Wunsch brannte in ihr: Schnell ins Haus, schnell den Kram dieser ungebetenen Mieterin hinauswerfen, zum Teufel damit, alles weg, damit auch keine Spur von ihr übrigbleibt. Mach, dass du fortkommst, hol deinen Kriecher ein! Vielleicht schaffst du es noch. Sieh mal einer an, hat an meinem Haus Gefallen gefunden! Will wohl freie Kost und Logis haben? Schluss, habt genug gewirtschaftet...

Der Flur war verriegelt. Volha klopfte wütend an der Tür. Kurz darauf hörte sie das wohlbekannte Knarren der Küchendielen, und eine schwache Frauenstimme fragte ängstlich:

"Wer ist da?"

"Mach auf!", Volha schlug erneut, diesmal mit dem Bein, ungeduldig gegen die Tür, so dass sogar die Fensterscheibe in der Küche klirrte.

Die Frau im Haus schien die Sprache verloren zu haben. Aber schon war hastiges Trampeln und Scharren zu hören, und dieselbe unsichere Stimme sagte kleinlaut:

"Gleich, gleich. Du lieber Himmel, wie denn das?"

Es war zu hören, wie jemand hinter der Tür den Riegel suchte. - Kannst den Riegel nicht finden, was? Aber den Weg ins fremde Haus hast du gefunden? dachte Volha wütend.

Schließlich klirrte der eiserne Riegel. Volha wartete einen Augenblick, stieß dann die Tür auf, ließ sie offen und trat fast gleichzeitig mit der Frau in die Küche. Ihr Blick fiel gleich auf die schwach brennende Lampe auf dem Tisch. In ihrem matten Schein stand eine bleiche, mittelgroße junge Frau mit erstarrtem Blick. Sie lehnte sich an die Wand, streckte die Arme vor, als ob sie sich gegen jemanden wehrte. Man konnte ihren großen Bauch sehen. Neben ihr stand, sich an den Rock klammernd, ein etwa fünf- bis sechsjähriger barfüßiger Junge und schluchzte leise.

Ohne ein Wort zu sagen, legte Olga den Schultersack auf den Hocker, hängte den Schafpelz an einen Nagel neben der Tür, schaute ins Zimmer, als wollte sie prüfen, ob alles auf seinem Platz stand. Sie musste etwas sagen, dieser fremden Frau Worte ins Gesicht werfen, die sie zwangen, die Fäuste zusammenzuballen, dass die Finger knackten und weh taten. Seltsam, aber die harten, gerechten Worte erstarrten auf den Lippen. Sie sah die unbeweglich stehende junge Frau noch einmal an, nun zeigte sich auf ihrem immer noch weißen Gesicht eine Grimasse des Schmerzes, dann warf sie einen Blick auf den dunkelblonden Jungen und spürte, wie die bis zum äußersten gespannte Sehne in ihr plötzlich riss. Und wahrscheinlich mehr zum Schein - nur um nicht schlapp zu werden, nicht zu schweigen - murmelte Volha finster:

"Na, was soll nun werden?!"

"Gleich, gleich... wir gehen weg", stotterte die junge Frau hastig und lief eilig im Zimmer hin und her.

Sie packte ihre und die Sachen des Jungen, alles, was gerade unter die Hände kam, und warf es zu einem Haufen in die Küchenmitte. In einer hausgewebten Decke wollte sie alles zu einem Bündel verschnüren, stieß einen seltsamen Laut aus und stürzte auf den Fußboden.

Volha bekam Angst. Das ganze Aussehen der jungen Frau - wie sie sich auf die Lippen biss, wie sie nach Luft rang, wie sie sich wand und sich den Unterleib hielt - zeugte davon, dass jeden Augenblick die Geburt beginnen musste, womöglich hatte sie bereits begonnen. Volha durfte nicht tatenlos zusehen. Immerhin war es ein lebender Mensch, eine Frau, vielleicht war ihr im Moment so schlecht wie noch nie im Leben, sie brauchte Hilfe. Da begann der Junge laut zu weinen, eilte zur Mutter. Er schmierte mit dem Fäustchen die Tränen übers Gesicht und rief:

"Mutti... steh auf! Steh auf, Mutti!..."

Volha nahm ihn an der Hand, streichelte ihm das dunkelblonde Haar und spürte, wie es ihr im Halse würgte. Was war das nur für eine Welt?

Sie setzte den Jungen auf die Bank in der Ecke, schärfte ihm ein, sitzen zu bleiben und nicht zu heulen, drehte den Docht der Lampe etwas höher und neigte sich über die junge Frau. Dieser wurde offensichtlich immer schlechter. Volha legte ihr eine Jacke unter den Kopf und beschloss, sofort zu Adola zu laufen. Zu zweit konnten sie vielleicht helfen, der jungen Frau ihre Qualen erleichtern. Außerdem wusste Volha, dass sich Adola in solchen Dingen auskannte.

Zum Glück schlief Adola noch nicht, sie und Tamasch aßen gerade Abendbrot. Sie sah die Nachbarin ohne Schafpelz und sogar ohne Kopftuch in der Tür und fragte besorgt:

"Was ist los?"

"Diese... Mieterin... ihr ist schlecht".

"Ist ja noch zu früh". Adola begriff gleich, zog einen Topf mir Wasser aus dem Ofen - welch ein Glück, dass es noch warm war - goss einen großen Tonkrug voll und nahm ein sauber Handtuch aus der Truhe. Schnell zog sie sich an und ging mit Volha hinaus.

Um Mitternacht wurde ihnen klar, dass die junge Frau nicht zu retten war. Sie konnten die Blutung nach der Geburt nicht stillen. Adola lief noch zweimal zu sich, erhitzte Wasser auf der Ofen, da in Volhas Haus der Ofen nicht geheizt war, brühte Kräute. Volha entband die Frau von einem Kind, auch einem Jungen, ihr fiel gleich auf, dass es eine Frühgeburt war - sie half Adola so gut sie konnte. Volha passte einen günstigen Augenblick ab, lief in den Schuppen, suchte im Dunkel nach Brennholz, fand keine einzigen Holzscheit und kehrte in das kalte Haus zurück. Der Junge weinte pausenlos, und Volha konnte ihn nicht überreden, dorthin schlafen zu gehen, wo man ihm das Bett gemacht hatte.

Die junge Frau verblutete. Sie phantasierte fortwährend, wollt irgendwohin laufen.

Gegen Morgen, als Adola, müde und entkräftet, knarrend die Tür aufmachte, um nach Hause zu gehen und etwas Petroleum holen, da es in der Lampe aufgebraucht war, kam die junge Frau zu Bewusstsein. Mit tief eingefallenen, tränenglänzenden Augen gab sie Volha ein Zeichen, sich zu ihr zu neigen, und bat leise und schuldbewusst, ihr das Kind zu zeigen. Nachdem sie erfahren hat, dass es ein Junge war, nachdem sie ihn lebend und gesund gesehen hatte, schluchzte sie und hämmerte mit dem Kopf auf der Fußboden ein. Sie verlor wieder das Bewusstsein, bewegte die trockenen, rauen Lippen mit Mühe, fand noch die Kraft zu fragen:

"Die Kinder tragen doch keine Schuld? An den Kindern wird man sich doch nicht rächen?"

...Volha stieg aus dem Bett, ertastete im Dunkeln die Streichhölzer, brannte eins an, guckte auf die Pendeluhr, der laut an die Wand tickte. Es war noch nicht vier Uhr. Sie ging zur Wiege und lauschte. Das Kind schlief, atmete gleichmäßig und ruhig.

Noch gestern abends hatte sie gedacht, es würde nicht überleben. Das Körperchen wurde blau, das winzige Gesichtchen, das ohnehin zusammengeschrumpft war wie ein gebackener Apfel, wurde noch kleiner, das Kind schien kein Lebenszeichen von sich zu geben. Etwas riss in Volha, irgendein Faden. Der uralte Fraueninstinkt protestierte gleichsam: Warum zögerst du denn noch? Da ist doch ein hilfloses, schutzloses Kind. Wer sonst, wenn nicht du, soll sich um das neue Leben kümmern?

Sie kaute das Weiche des Brotes, wickelte es in ein Stück sauberen Mulls, tauchte es in gesüßtes Wasser und steckte es dem Kind vorsichtig in den Mund. Doch es lutschte nicht. Volha war ratlos. Nach einer Weile beschloss sie, zu Adola zu gehen, vielleicht könnte diese helfen.

Adola wusste ebenfalls nicht, was zu tun war. Vor dem Krieg war das ganz einfach: Man fuhr ins Krankenhaus, nach Tschubauka. Jetzt aber war weder vom Krankenhaus noch von Tschubauka etwas übrig.

Adola überlegte kurz und schlug vor, das Kind tüchtig in warmem Wasser zu baden, sie würde inzwischen Kräuter abbrühen und versuchen, ihm diesen Aufguss mit einem Löffelchen einzuflößen.

Am Abend heizte Volha den Ofen, legte ein sauberes Bettlaken bereit und wärmte die Kinderdecke. Adola war mit den Kräutern beschäftigt.

Nachdem alles getan und Adola nach Hause gegangen war, sah Volha erleichtert, dass das Kind tatsächlich rosig wurde und im Schlaf ein paar Mal die Lippen bewegte, als ob es essen wollte. Volha steckte ihm erneut den Saugbeutel in den Mund und ging in die Küche, um die Milch mit gekochtem Wasser zu verdünnen.

Das Kind wollte auch diesmal nicht am Brot lutschen, doch bei Tagesanbruch - hatten wirklich die Kräuter geholfen? - trank es knapp ein halbes Glas Milch. Sie gab ihm die Milch mit dem Löffelchen zu trinken, weil sie keine Nuckelflasche hatte.

Sie ging nicht mehr ins Bett, sondern auf den Hof hinaus.

Am Himmel hingen niedrige schwere Wolken, es fiel Regenschnee. Und nur im Osten, hinter Horaschs Gehöft, war am düsteren, bleiernen Himmel ein schmaler heller Streifen zu sehen, als ob jemand ein Stück weißes Papier aufgeklebt hatte. Dieser Streifen gab eine Hoffnung: Vielleicht bessert sich das Wetter, vielleicht bricht die Sonne durch die Wolken, vielleicht fordert der Frühling endlich sein Recht, man hatte ja keine Kraft mehr, auf die Wärme zu warten.

Mit dem Frühling, mit der Wärme verknüpfte Volha besondere Hoffnungen. Vor allem hoffte sie natürlich, Iwan wiederzusehen.

Wie vermisste sie ihn hier zu Hause! Wie vermisste sie seine Zärtlichkeit, seine ruhige Besonnenheit. Sie entbehrte seine männliche Hand: Die Wirtschaft war völlig vernachlässigt, sie wusste nicht, womit sie beginnen sollte.

Volha stand eine Weile auf dem Hof, dann kehrte sie ins Haus zurück. Sie zündete keine Funzel an, ertastete in der Ecke eine verrostete, ausgekerbte Axt, spaltete ein paar trockene Späne von einem Holzstück und heizte den Ofen. Sie musste ja auch etwas für sich kochen, sie hielt sich ja kaum noch auf den Beinen. Den älteren Jungen hatte Tamasch am Vorabend in ein Kinderheim der Kreisstadt gebracht.

Volha versuchte, die unangenehmen Gedanken und unklaren Vorahnungen zu verjagen. Doch nichts half. Den ganzen Tag schlenderte sie wie eine Schlaftrunkene umher, dann beschloss sie zu Horasch zu gehen und um Milch für das Kind zu bitten.

Es dämmerte. Die Sonne war hinter dem Wald bereits untergangen, der Himmel färbte sich purpurrot, gleichsam blutrot. Brannte etwa wieder ein Dorf? Wie konnte es aber jetzt brennen? Außerdem wäre auch der Rauch zu sehen. So sehr sie sich auch anstrengte - es schwamm ihr sogar vor den Augen -, konnte nichts entdecken, was auf einen Brand hindeuten würde.

Der Weg, auf dem sie nach Hause zurückkehrte, war getrocknet: es lief sich leichter, die Beine rutschten nicht mehr. Volha ging in einen Steilhang herum, hinter dem auf einer schattigen Waldliftung poröser, dunkel gewordener Schnee lag, bestieg eine Anhöhe, warf einen Blick auf den bekannten, in der Dämmerung verschwommenen Weg und erstarrte. Am Tor stand ein vor eine Kalesche gespannter ausgemergelter Hengst, selbst von weitem waren unter dem rotbraunen Fell die Rippen zu sehen. "Wer mochte das sein?" Volha stürzte im Laufschritt zu ihrem Hof. "Doch nicht etwa?!"

Aus dem Haus trat ein gebückter Offizier mit erschöpftem Gesicht, und Volha knickten gleich die Beine ein. Der Offizier trug einen neuen Uniformmantel, auf jedem Schulterstück glänzte je ein Sternchen. Major, dachte Volha. Und ein leerer Ärmel hinter dem Koppel. Kommt er etwa von der Front? Aber das Pferd, Kalesche...

Als sie näher kam, sagte der Offizier:

"Ich komme vom Kriegskommissariat. Heißen Sie Lahackaja?"

"Ja, was ist passiert?" Volha spürte erneut, wie das Herz in der Brust pochte, wie eine böse Vorahnung sie beschlich.

Im Haus schaute sie mit leeren, toten Augen auf einen Zettel, den der Major seiner Feldtasche entnahm und ihr reichte.

"Ich kann Sie wie auch andere mit nichts trösten!", hörte sie seine dumpfe Stimme. "Sollten Sie etwas brauchen, wenden sich an uns, an das Kriegskommissariat". Der Major ging hinaus. Sie aber blieb erstarrt stehen, sah durch das Fenster, wie er das Pferd losband, etwas in der Kalesche ordnete, dann aufstieg und die Zügel straff zog.

Einen Monat später, nachdem Volha einigermaßen zu sich gekommen war, als schon überall der Frühling Einzug gehabt hatte, entschloss sie sich, nach Sadki zu gehen. Auf dem Arm trug sie den in eine Flauschdecke gewickelten Jungen den Kleinen, wie sie ihn nannte. Sie war bisher auf keinen anderen Namen kommen.

Der Dorfsowjet nahm die Hälfte eines Hauses ein und war zum Glück offen. Der Vorsitzende, ein jugendlich aussehender Mann in Feldbluse und Stiefelhose, ließ Volha in einem Sessel am Tische Platz nehmen, kramte zunächst in seinen Papieren, schob sie dann beiseite und fragte:

"Sie wünschen?"

"Ja", Volha blickte ihn an. "Ich möchte den Jungen registrieren lassen, Einen Sohn... Aber keine Zeit..."

"Das lässt sich machen". Der Vorsitzende freute sich. "Nichts einfacher als das. Ich dachte schon, Sie wollten um etwas bitten. Jeden Tag kommen Leute. Womit kann ich ihnen helfen? Es gibt nichts; weder Samen noch Mehl, noch Nägel, nichts". Er lehnte sich müde zurück, legte die Hände auf den Tisch, und nun sah Olga, dass er an der rechten Hand anstelle der Finger nur noch Stümpfe hatte! Wie schreibt er bloß? dachte sie.

Der Vorsitzende aber ergriff leicht und geschickt einen Federhalter und tauchte ihn in ein Tintenfass.

"Name?", fragte er mit dumpfer, heiserer Stimme.

"Lahackaja".

"Aber nein, welchen Namen hat der Junge, frage ich. Lahacki? Also gut, so schreiben wir auch: Lahacki. Und der Vorname?"

"Ich weiß noch nicht, Habe daran nicht gedacht. Vielleicht..."

"Was gibt's da zu überlegen. Mir gefällt zum Beispiel Dzima. Ein guter Name. Wie meinen Sie?"

"Ja, ja", stimmte Volha zu. "Lassen wir es bei Dzima. Gut".

"Und wie ist der Vatersname?"

Um dem Vorsitzenden keine Zeit zu lassen, antwortete Volha schnell:

"Ivanavitsch".

Als sie draußen war, atmete sie erleichtert auf, als ob ihr ein Stein vom Herzen gefallen war, und drückte den Sohn fest an sich.

Ihren Sohn.

Nach einiger Zeit verließ Volha mit Hilfe des Kriegskommissariats, mit Hilfe desselben Majors ihr Gehöft. Weinend nahm sie von Adola und Tamasch Abschied und zog in ein anderes, entlegenes Dorf, in dem weder sie jemand noch jemand sie kannte.

 

1982




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Siarhiej Dubovicki

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