Ciotka

Herbstblätter

Sie saßen auf der Böschung vor dem Hause, steckten die Köpfe zusammen wie zwei vertrocknete Mohnkapseln im Wind und unterhielten sich eifrig.

"Hab Dank, Symonka, hab Dank, dass du mich vor dem Tode wenigstens noch einmal besucht hast. Ich bin sehr froh darüber", schnarrte Sciapan mit brüchiger Stimme. "Schaue ich dich an, so traue ich meinen Augen nicht - bist du es, oder bist du es nicht?"

"Vielleicht bin ich es gar nicht", entgegnete Symon lachend, "beklopfe mich doch mal! Aber vorsichtig, denn ich bin jetzt aus Glas, hihi!"

"Du hast gut lachen, ist doch 'ne ganz schöne Zeit vergangen. Seit ich damals bei Meier die scheckige Kuh kaufte, haben wir uns nicht wieder gesehen; erinnerst du dich noch, wie das war?"

"Wie sollte ich nicht? Natürlich erinnere ich mich daran".

"Ja, weißt du, es war ein Prachttier, man findet einfach keine dafür. Sie fraß gut, kam gesund über den Winter, und die Kälber erst! Mit einem Wort: eine Bestie, keine Kuh"

Symon paffte an seiner Pfeife, stopfte Tabak nach und blinzelte mit seinen trüb gewordenen Augen.

"In so langer Zeit, mein Lieber, zerbröckelt selbst ein Stein, wenn man ihn ins Rollen bringt. Was soll ich da über das Tier sagen! Waren wir damals nicht noch unverheiratet?"

"Sprich lauter, ich kann dich nicht verstehen!", forderte Sciapan ihn auf und spitzte die Ohren.

"Ledig waren wir! Kerle wie die Eichen, alle Leute drehten sich nach uns um. Und jetzt? Morsch! In diesem Jahr muss mein dritter Enkel schon das Los ziehen".

"Ist es wirklich schon so lange her?", fragte Sciapan und zog erstaunt seine buschigen Augenbrauen in die Höhe. "Ich dachte, es wären erst so an die fünfzehn Jahre vergangen".

"Die Flüsse sind ausgetrocknet, hoho!", spottete Symon mit zahnlosem Mund. "Fünfzehn? Da zählst du sehr schlecht, mein Lieber!" Er klopfte dem Alten auf die Schulter. "Und wie alt schätzt du denn uns? Ob wir schon dreizehn sind? Ich meine, noch nicht! Sieh, bei mir brechen gerade erst die Zähne durch". Und er öffnete seinen zahnlosen Mund.

Sanft fuhr der Wind durch die trockenen Zweige; es war, als husche der Tod wie ein leichter Schatten über die Gesichter der Alten.

"Ach, Sciapan, Sciapan! Wir sind schon ein paar alte Knorren! Halb stehen wir noch hier, halb schon im Jenseits. Das Leben ist wie die Fliege da - tsss! und vorbei". Symon schnippte mit den Fingern durch die Luft.

"So ist es, genau so. Vorbei", stimmte Sciapan zu. "Doch wenn man zurückschaut und ein wenig nachdenkt, wenn man sich an die Gräber erinnert, die man mit eigenen Händen zugescharrt hat, an all die vergossenen Tränen - kch, kch", er verschluckte sich bei dem bitteren Wort und musste husten. "Frag mal den Nachbarn dort drüben, er ist Zeuge gewesen meines ganzen Lebensweges", mit krummen Fingern deutete er auf das Kreuz vor dem Tor. "Alle meine Kinder habe ich begraben, alle habe ich sie beweint. Die Lieben - kein Mitleid haben sie gehabt mit mir Altem. Immer eines nach dem andern rollten sie fort, wie Glasperlen". Er krümmte sich und richtete seine bitteren Klageworte an das Kruzifix. "Nun", murmelte er und nickte, "sein Wille geschehe! Mögen sie sanft ruhen!"

Das Kreuz, windschief und bemoost, schaute mit dem Gesicht zu den beiden Alten herüber und dachte sich sein Tell. Sicher stand es schon so lange da, wie Sciapan hier wohnte, und war mit ihm alt und krumm geworden. Viele Stürme waren über sie hinweggebraust, und wohl nicht nur ein Unwetter hatte ihr Herz getroffen; aber still hatten sie ihrer Trauer keinen freien Lauf gelassen. Sogar äußerlich waren sie einander ähnlich geworden: grau, ausgedorrt und verschlossen, sahen sie beide betrübt zu Boden.

"Dein Kreuz hatte nur Qualen bereit; vergib ihnen, Herr!", beendete Sciapan sein Gebet und fuhr etwas ruhiger fort: "Jetzt leben nur noch wir beide. Da sitze ich manchmal auf der Böschung vor dem Hause und denke so bei mir: Wer wird wohl länger stehen? Ich wollte es schon einmal abstützen, aber wenn es nun schon zu Ende geht, so wollen wir doch sehen, wer wen überlebt - ich das Kreuz oder das Kreuz mich. Wir sind nämlich Altersgenossen, Symon. Mein seliger Vater hat es in demselben Jahr aufgestellt, in dem ich geboren werden sollte".

Sciapan rutschte ein wenig hin und her, setzte sich bequemer hin, fasste Symon bei der Hand, wie er es bei jedem gesunden Menschen zu tun pflegte, und begann eine Geschichte, die er in seinem Leben wohl schon tausendmal wiederholt hatte:

"Meine Eltern hatten einen Hof, aber ihre Kinder wurden nicht alt. Wurde eines geboren, so war es mager und grün; wimmernd quälte es sich zwei, drei Jahre und starb dann. Alles mögliche hatten sie ausprobiert. Was wurde ihnen nicht alles geraten von Ärzten, Gesundbetern und weisen Frauen - nichts hatte auch nur für einen Heller Erfolg. Alles umsonst. Als meine Mutter mit mir schwanger ging, ich war das achte oder neunte Kind, wurde das Volk von einer Seuche befallen; diesmal war es die Cholera. Kein Mittel gab es dagegen. Wie eine giftige Wolke zog sie durch das Land. Niemand wusste, was er tun sollte. Man zog mit dem Pflug Furchen um die Dörfer herum, betete, opferte und stellte Kreuze auf. Da sagte meine Mutter zu meinem Vater: "Lass uns ebenfalls ein Kreuz aufstellen, Mann, wo wir hier so abgeschieden leben. Vielleicht bewahrt Gott uns vor der Seuche, vielleicht werden dann auch die Kinder groß." Sie erzählte noch, dass ihr ein feuriges Kreuz erschienen sei. Sie beratschlagten sich und stellten links vom Tor ein Kreuz auf. Einige Wochen später kam ich zur Welt. Aber was war ich schon für ein Junge - eher ein Nagel! Ja, so ein kleiner Balg. AIs die Amme mich beim Baden richtig betrachtete, sanken ihr die Arme wie gelähmt herab. Auf dem rechten kleinen Schulterblatt trug ich ein Zeichen: ein rotes Kreuz, ein Muttermal. Die Nachbarn konnten nicht genug staunen. Die einen prophezeiten dem Kinde Glück, die andern das Gegenteil. Hehehe! Folglich kam ich schon mit einem Kreuz auf Gottes Erde. Und später kamen die Kreuze von selbst, Kreuze auf dem ganzen Leib. Mein Herz war eingeklemmt wie in einen Schraubstock. Die Eltern starben damals bei dem Brand, es kam das Unglück mit meiner Frau, dann das Gefängnis, schließlich wurde ich zum Krüppel; und später - wie die Glasperlen - alle nacheinander..."

Er presste den Kopf zwischen seine knochigen Hände und weinte herzzerreißend. Der Wind wehte seine grauen Haarbüschel melancholisch auseinander. Die hölzernen Stelzen an seinen Beinen schaukelten im Weinkrampf leblos hin und her.

"Sciapan!", sagte Symon endlich nach langem Nachdenken. "Ich habe sehr viel von deiner Einsamkeit erzählen hören. Aber was tun? Das Leben rüttelt die Menschen tüchtig durch. Ach, die Flüsse sind ausgetrocknet... Man wird gerüttelt und geschüttelt wie das Laub an den Bäumen. Und im Grunde, Sciapan, sind wir doch zwei Herbstblätter, wenn nur noch ein wenig an uns gerüttelt wird, dann fallen wir ab. Ach ja, ausgetrocknet sind die Flüsse! Tsss! Und vorbei. Sieh mich an: Meine Frau und meine Kinder leben, und ein Krüppel bin ich auch nicht. Doch was mir gehört, ist zum Draufspucken. Mein Herz ist voller Wehmut, die Bitterkeit steigt über die Ufer". Er fasste sich ans Herz. "Ihren Vater haben sie auf seine alten Tage fortgejagt, und jetzt muss er betteln gehen. Ach, die Flüsse sind ausgetrocknet... Aber was tun? Sicher stand es irgendwo so geschrieben". Wie ein Gänserich blickte er mit einem Auge zum Himmel.

Der Herbsthimmel ist kalt und voller Wolken, er gibt euch keine Antwort, ihr vergilbten Blätter. Nur der Wind fächelt leise und legt sich dann wieder. Die Totenglocke allein wird euch vielleicht redlich beweinen, wenn Mutter Erde eure abgearbeiteten Knochen zu sich nimmt. Eine Tanne oder eine Birke wird in euren zerquälten Herzen Wurzeln schlagen, wird alle Bitternis aus ihnen heraussaugen und sie der rauen Welt in heiterem Grün darbringen - dann hat alle Qual ein Ende.

 

1910-1912




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Гундула Чапега, Уладзімір Чапега

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