Ivan Čyhrynaú

Begegnung auf dem Bahnsteig

Durch die offene Pforte betrat Maxim den Bahnsteig. Es war gegen zehn Uhr abends. Der Bus hatte das Städtchen um halb zehn verlassen und die drei Kilometer schnell zurückgelegt, zumal unterwegs niemand an der Chaussee gestanden hatte. Bis zur Ankunft des Zuges blieb noch reichlich Zeit, und so beschloss Maxim, ein wenig über den Bahnhofsvorplatz zu schlendern, der von einem eisernen Zaun umgeben war. Die Fahrkarte hatte er bereits gelöst. Er war nicht zum erstenmal auf diesem Bahnhof und wusste sehr gut, dass an dem einzigen Schalter immer Gedränge herrschte. Vor dem vergitterten Fensterchen fanden sich in den letzten Minuten nicht nur die Reisenden ein, sondern auch Angehörige und Freunde, die ihre Lieben zum Bahnhof begleiteten. Sie alle drängten sich aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet an dieser Stelle, und wenn man sich nicht gewaltsam durch das Menschenknäuel zwängte, lief man Gefahr, am Ende mit hängender Zunge dem fahrenden Zug hinterherrennen und im letzten Augenblick aufs Trittbrett springen zu müssen. Platzkarten waren an dieser Kasse gewöhnlich ausreichend vorhanden; zwar war der Bezirk groß, doch stiegen viele Reisende erst an den nächsten Bahnstationen, Lipauka und Shurbin, zu. Der Stationsvorsteher selbst hatte Maxim veranlasst, die Karte rechtzeitig zu lösen, als der sich einmal bei ihm beschwerte.

"Natürlich, man könnte hier an den Schalter einen Milizionär hinstellen ..."

Resignierend hob er die Hände. "Aber was kann ein Milizionär hier schon ausrichten? Das Dorf, mein Lieber, hält nicht viel von der Devise: Immer der Reihe nach! Sogar im Laden klettert einer über den anderen".

Er führte Maxim durch die Diensträume und händigte ihm dann höchstpersönlich die Fahrkarte nach Mahilou aus. "Und Sie ... ich weiß nicht, wie Sie heißen ..."

Maxim nannte seinen Namen.

"Wenn Sie wieder mal hierherkommen, dann stellen Sie sich gar nicht erst dort an. Kommen Sie gleich her. Sie können übrigens auch vorbestellen".

Maxim suchte jedoch späterhin weder den Dienstraum auf, noch machte er sich die Mühe, zum Stationsvorsteher vorzudringen.

Am späten Nachmittag war ein Platzregen niedergegangen, noch immer spürte man die Feuchtigkeit unter den Füßen. Maxim hatte von dem Regen nichts gemerkt. Er hatte zu dieser Zeit im Redaktionszimmer gesessen - es ging um einen großen Artikel für die Bezirkszeitung - und war vom frühen Morgen an so gut wie gar nicht aus dem Haus gekommen. Die Wolke hatte sich unvermittelt über das Städtchen geschoben; eben noch strahlender Abendsonnenschein, und dann ... Urplötzlich war es dunkel geworden. Sie hatten Licht machen müssen.

Es roch nach Kohle und Garten, doch atmete es sich leicht und frei. Maxim schritt langsam an der Umzäunung entlang. Seinen Mantel trug er über dem Arm. Er hatte ihn während der Reise noch nicht gebraucht, jeden Tag war der Himmel makellos klar gewesen.

Irgendwo in der Grünanlage ahnte jemand eine Nachtigall nach. Schlechte Imitation, unverkennbar, doch ein echtes Gefühl: Sehnsucht... Maxim fuhr gern hierher. Sobald in seiner Abteilung eine Dienstreise anfiel, meldete er sich. Aus dieser Gegend stammte seine Mutter. Ihr Heimatdorf war nur etwa zwanzig Kilometer entfernt, doch Maxim war nicht ein einziges Mal hingefahren. Nicht etwa aus Mangel an Gelegenheit. Der Grund war ein anderer. Seine Mutter hatte gegen den Willen ihres Vaters geheiratet, und der war ihr daraufhin bis an sein Lebensende aus dem Weg gegangen. Er wollte sie einfach nicht sehen, und er gab selbst dann nicht nach, als sie schon vier Kinder hatte. Sie lebten wie Fremde, und so starben sie auch - unversöhnt.

Im Städtchen wohnte eine Freundin der Mutter, die beiden waren zusammen aufgewachsen. Maxim erinnerte sich noch an die fernen Tage, da sie zu ihnen auf Besuch gekommen war. "Dein Kulak ist immer noch böse", sagte sie jedes Mal, kaum dass sie die Schwelle überschritten hatte. "Neulich hab ich ihn getroffen. Ich sag ihm nur, dass ich zu Auhinia fahren will, und schon wendet er sich ab. Das ist mir vielleicht 'ne Sippschaft... Alle sind sie so, aus einem Holz. Nur deine Mutter tut mir leid". Aus irgendeinem Grunde brachte sie jedes Mal Äpfel mit, ob das nun im Sommer war oder im Winter. Vielleicht bedauerte er es deshalb so sehr, als sie dann plötzlich nicht mehr kam.

"Tja, das war zu der Zeit, als dein Vater mich nicht mehr mochte", bekannte sie ihm viele Jahre später bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße. Überglücklich, den Sohn ihrer Freundin wiederzusehen, führte sie Maxim zu sich und bewirtete ihn mit Lindenblütenhonig. "Iss nur, Maxim, lang tüchtig zu! Ihr seid also alle eure eigenen Wege gegangen... Und Piatrok? Und Larissa? Und eure Jüngste?"

"Alonka?"

"Nun ja".

"Längst verheiratet".

"Sieh einer an! Was du nicht sagst! Tja, wie ich schon erzählt habe, eure Mutter... Wenn es eine gab, die nichts als Kummer hatte, dann war sie es. Als ob sie nur auf die Welt gekommen wäre, um zu leiden. Erst die Scherereien mit ihrem Vater, dann die Geschichte mit deinem... Nein, wirklich, sie hat kein Glück gehabt... Sag, was du willst, aber an einen solchen Mann hätte sie nicht geraten dürfen... Nimm es einer alten Frau wie mir nicht übel, dass sie so über deinen Vater spricht. Aber ich und deine Mutter... Verstehst du..."

Für Maxim war es wie eine Offenbarung, dass die ganze Zeit über irgendwo ein Mensch gelebt hatte, der seine Mutter bemitleidete. In den Worten der Frau konnte er nichts Beleidigendes für sich entdecken; im Gegenteil, es gefiel ihm, wie sie über die Mutter sprach, leise und fraulich zärtlich. Vielleicht kam er deshalb so gern hierher.

ln der Mitte der Grünanlage erstrahlten die Laternen, doch hier, an der Umzäunung, war es fast dunkel. Maxim schlenderte den asphaltierten Weg entlang, seine Stimmung war gut. Der Bahnsteig füllte sich mit Reisenden, die Koffer und Bündel trugen. Maxim blickte auf die Bahnhofsuhr. Bis zur Abfahrt blieben noch reichlich zehn Minuten.

Und da hörte er plötzlich, wie neben ihm jemand sagte:

"Na und? Dann warten wir eben!"

Die Stimme kam ihm überraschend bekannt vor.

Maxim hob den Kopf und wollte seinen Augen nicht trauen. Vor ihm ging Hala Jalenskaja am Arm eines hochgewachsenen Mannes in Uniform.

Maxim geriet in Verwirrung, er wollte seitlich abbiegen, sich davon machen... Aber er kam nicht mehr dazu. "Sieh mal...!", rief Hala aus. "Das ist doch Maxim..." Sie machte sich los. "Ja, was stehst du denn da wie angenagelt?" sagte sie vorwurfsvoll und schritt zaghaft auf Maxim zu. Sie nahm ihn beim Arm und zog ihn mit sanfter Gewalt zu ihrem Gefährten.

Der Ehemann, dachte Maxim.

"Lonia, das ist Maxim Pieravalau!", sagte Hala. Erregt stand sie zwischen den beiden Männern und blickte bald den einen, bald den anderen an.

"Erinnerst du dich, ich hab dir doch von ihm erzählt. Macht euch bekannt!"

Als sie auf dem Bahnsteig standen, fragte sie: "Was hat dich denn hierher verschlagen?" "Ich bin oft hier", antwortete Maxim.

Hala war erstaunt. "Oft?" Sie sah Maxim an. "Ach ja, hab ich ganz vergessen, du hast ja so'n Beruf..." Dann fügte sie rasch hinzu: "Und wir... wir sind hier, um den Vater abzuholen". "Taras Antonavitsch?" "Ja, er kommt heute". "Ich hab ihn lange nicht gesehen".

"Dann trifft sich's um so besser... Mensch, du Prachtjunge... dass du uns übern Weg gelaufen bist..." "Tja, aber so leid mir's tut, mein Zug kommt gleich". "Der nach Mahilou?" "Ja".

"Musst du denn unbedingt heute fahren?", Maxim zuckte die Achseln.

Halas Mann, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, gähnte.

"Na, dann unterhaltet euch mal 'n bisschen. Ich guck nur mal in die Vorhalle, vielleicht kauf ich mir 'ne Zeitung".

Als er gegangen war, fragte Maxim: "Was denn, dein Mann liest Zeitung?"

Er wunderte sich selbst über seinen bissigen Ton.

"Lass das, ich bitte dich!" Hala stampfte mit dem Fuß auf. "Sag mir lieber, ob du dich wirklich nicht mit deinem alten Lehrer treffen willst".

"Und mein Zug?"

"Also nicht..."

"Was fällt dir ein, natürlich würde ich... sehr gern sogar".

Über den Stationsgebäuden, die sich dunkel von den schimmernden Schienenbändern abhoben, ging der Mond auf. Eine große, runde Scheibe. Unbemerkt war er aufgetaucht, als sei er den Tiefen des Erdballs entstiegen, und nun lastete er schwer auf dem Dach wie ein Kürbis im Herbst. Irgendwo, noch weit entfernt, pfiff wie ein aufgeschreckter Vogel eine Lokomotive. Hala stand vor Maxim, wartete auf Antwort. Schlank und hübsch war sie, von mittlerem Wuchs. Unter dem fliederfarbenen Pullover zeichnete sich ihre mädchenhaft zarte Brust ab. Mit ihren großen, schwarzen Augen blickte sie Maxim unverwandt an. Ihr Gesicht war blass, und zwischen den Brauen zeigten sich Kummerfältchen.

Maxim sah sie an, und ihm wurde schwer ums Herz.

"Du bist noch genauso schön wie damals..." Er seufzte und suchte nervös nach Zigaretten.

"Ich hab dich lange nicht gesehen", sagte sie.

In diesem Augenblick knackte der Lautsprecher, der ganz in der Nähe an einem hölzernen Mast befestigt war, und über den Bahnsteig ergoss sich eine dröhnende Stimme: "Achtung, Reisende! Zurücktreten von der Bahnsteigkante! Auf Gleis zwei hat Einfahrt der Zug Nummer sechsundachtzig über..." Maxim streckte ihr die Hand hin.

"Da... du siehst..." Er stockte, hielt den Atem an. "Und dabei hätte ich dir noch so viel zu sagen..."

"Und ich wollte dir dafür danken, dass du mir das Küssen beigebracht hast", sagte sie unvermutet, warf den Kopf zurück und lachte, aber es klang gekünstelt.

Auch Maxim lachte. Auf ihre letzte Bemerkung war er nicht gefasst gewesen, ja sie schien ihm seltsam.

"So kompliziert war das gar nicht", sagte er leichthin und bemühte sich, auf ihre unechte Fröhlichkeit einzugehen. "Das hätte dir sicherlich auch ein anderer beigebracht. Kein Grund also, mir zu danken..." Hala wurde verlegen.

Maxim korrigierte sich rasch. "Für die anderen waren wir immer Bräutigam und Braut..."

"Das hast du noch nicht vergessen?"

"Nein".

"Wirklich?" Ihre Hand, die in der seinen lag, war weich und warm.

"Verzeih mir... Ich hab gescherzt..."

"Ich auch".

Mit schwerem Schnaufen fuhr der Zug ein. Die Wagen glitten vorüber und blieben mit den Puffern klirrend stehen. Maxims Augen suchten die Wagennummer, doch Hala kam ihm zuvor.

"Sieben", sagte sie.

"Oh, ich brauche Nummer zehn... Wo bleibt denn dein Mann?" Maxim wandte sich um.

"Du hast recht, wo steckt er bloß?"

"Na ja, macht nichts, ich kann nicht warten... Hab mich jedenfalls gefreut, dich wiederzusehen. Leb wohl".

"Vielleicht fährst du doch nicht?" schien sich Hala zu besinnen und drang von neuem in Maxim. "Papa wird beleidigt sein, wenn ich ihm sage, dass du hier warst und ihn nicht einmal sehen wolltest. Bleib doch, Maxim...!" Wieder erschienen die Kummerfältchen zwischen den Brauen, und wieder zog sich Maxims Herz zusammen. Er tat sich plötzlich selber leid, er konnte sich zu keiner Antwort aufraffen, hüllte sich in Schweigen, rührte sich aber auch nicht von der Stelle. Du ahnst ja gar nicht, wie ungern ich fahre, dachte er. Ich habe lange auf diese Begegnung gewartet...

Der Zug stand noch ein Weilchen, dann setzte er sich leise in Bewegung. Der letzte Waggon glitt vorüber, das rote Schlusslicht blinkte erregt, entfernte sich und verschwand schließlich hinter den Gebäuden, Maxim und Hala standen schweigend da, sie fühlten sich plötzlich schuldig, als hätten sie etwas Unrechtes getan. Beide blickten zu Boden und scheuten sich, einander anzusehen. Halas Mann kam zurück.

"Sie sind nicht gefahren?", fragte er verwundert, und Maxim spürte die Unzufriedenheit in seiner Stimme.

"Nein". Maxim wollte ihm erklären, er habe es sich anders überlegt, da Taras Antonavitsch bald eintreffen müsse, der viele Jahre lang sein Lehrer gewesen sei... Doch er schwieg. Wozu soll ich lügen? sagte er sich. Er glaubt es mir ja doch nicht...

Halas Mann trat ein wenig zur Seite und wippte erregt auf den Fußspitzen. Seine Absätze trommelten auf dem Asphalt. Minutenlanges, unbehagliches Schweigen.

Schließlich fragte Maxim: "Was macht Taras Antonavitsch jetzt eigentlich?"

Hala zuckte zusammen und streifte ihren Mann mit einem kurzen Blick. "Er ist pensioniert". Sie hatte sich offenbar wieder in der Gewalt. Aber ein Gespräch kam nicht mehr zustande, die schweigende Gestalt des Uniformierten schien jedweden Ansatz im Keim zu ersticken. Endlich fuhr der Zug ein, mit dem Taras Antonavitsch kommen sollte.

Doch vergeblich musterten sie die Reisenden: Halas Vater war nicht unter ihnen. Maxim spürte, wie peinlich die Lage war, und um sich selbst zu trösten, sagte er: "Na wennschon! Wenn nicht heute, dann holt ihr ihn eben morgen ab".

Auch Halas Mann raffte sich nun zu einer Bemerkung auf. "Sie müssen schon entschuldigen", wandte er sich an Maxim, "aber einladen können wir Sie nicht. Ich hab Dienst". Auf dem breiten Tatarengesicht las Maxim Schadenfreude.

Hala versuchte zu protestieren. "Aber dieser Hauptmann Karalou ist doch für dich eingesprungen. Er kann doch ohne weiteres ein bisschen länger bleiben. Wir haben ihn ja gebeten..." "Das ist wirklich meine Sache!", fiel er ihr grob ins Wort. Hala krümmte sich zusammen und biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe. Sie schien den Tränen nahe. Maxim wollte zu ihr treten, doch er tat nur einen Schritt und blieb stehen. Halas Mann hatte seine Bewegung bemerkt. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und hob die Hand an die Uniformmütze.

"Ich bitte um Verzeihung". Er machte eine militärische Kehrtwendung, schritt auf die Pforte zu und sagte im Gehen:

"Komm, Hala, gehen wir, es ist höchste Zeit".

Hala schrak zusammen. Verstört starrte sie auf den Rücken ihres Mannes und fuhr sich mit der linken Hand übers Gesicht. Maxim trat einen Schritt auf sie zu und nahm ihre Hand, die schlaff war und feucht.

"Du musst gehen", sagte er.

Sie blickte ihn mit verletzender Kälte an, entzog ihm ihre Hand und lief zur Pforte.

Maxim blieb auf dem Bahnsteig zurück. Betroffen sah er dem fliederfarbenen Pullover nach, der sich rasch entfernte, allmählich in der Dunkelheit verschwamm und schließlich verschwand. Sein erster Gedanke war, sie zurückzurufen, sie zur Umkehr zu bewegen oder wenigstens zu veranlassen, auf ihn zu warten, hatte er doch das Wichtigste nicht gesagt... Aber seine Zunge war wie gelähmt, als sei sie an den Zähnen festgefroren. Und erneut, zum wievielten Male eigentlich schon, befiel ihn Unbehagen.

Fort von hier, so schnell wie möglich! entschied er. Mit dem erstbesten Zug...

Von irgendwo weit her drangen Laute an sein Ohr und entfernten sich wieder - Wortfetzen, hastige Schritte. Maxim stand da und dachte über fremdes Unglück nach, das so unerwartet zu dem seinen geworden war. Und ihm wurde klar, dass die Freude sehr unstet sein kann, unstet und zuweilen auch unsinnig.

 

1964




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Monika Schettler

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