Ivan Mielež

Auf der Straßenkreuzung

Der Zug bremste.

Das überstürzte Rattern der Räder wurde schwächer. Langsam glitten vor dem Fenster Häuser vorbei. Die Reisenden erhoben sich von ihren Plätzen und wurden hastig, als wäre plötzlich ein Brand ausgebrochen. Schon drängte alles mit Säcken, Koffern, Bündeln zur Tür.

Auch sie hatte es eilig. Gewohnheitsmäßig band sie sich auf ländliche Art das Tuch um, ergriff den Korb und schob sich zum Ausgang.

Auf dem Bahnsteig war noch mehr Hast und Lärm, und das Menschengewimmel verwirrte sie. So stand sie da und hielt Umschau. Ihre einst grauen, nun schon farblosen trüben Augen waren merklich belebt von unruhiger Hoffnung - sie suchte in der unbekannten Menge ein vertrautes Gesicht.

Als sich der Bahnhof geleert hatte, trat das kleine alte Mütterchen mit der sonnenverbrannten Knorpelnase, der einfachen Tuchjacke und den Wachstuchstiefeln hinter den anderen Reisenden auf den Bahnhofsvorplatz. Zaghaft fragte sie einen Mann, wie sie zur Revolutionsstraße komme. Der Mann antwortete, er sei selbst nicht von hier und kenne sich nicht aus.

Andere rieten ihr, den Milizionär zu fragen, der auf der anderen Seite des Platzes neben einem runden Glashäuschen stand. Ängstlich, am Rande des Gehsteigs, strebte das Mütterchen dem seltsamen Bau zu, der wie ein riesiges Wasserglas aussah. Der Milizionär hatte sich hineingesetzt. Winkend bat ihn das Mütterchen heraus.

"Revolutionsstraße? Das ist ganz in der Nähe, Bürgerin", antwortete ihr der Milizionär in lehrerhaftem Ton, nachdem er sie kurz gemustert hatte. "Da gehen Sie diese Straße entlang, nach dem Häuserblock biegen Sie links ab, und die dritte Querstraße ist die Revolutionsstraße".

Sie bedankte sich und wollte schon gehen, doch nach kurzem Zögern fragte sie unsicher: "Sagen Sie, guter Mann, Sie kennen nicht zufällig Trachim Kulbicki?"

"Kulbicki?", fragte der Milizionär zurück. "Kenn ich. Er wohnt in der Revolutionsstraße. Trachim Andrejewitsch?"

"Ja, Trachim Andrejevitsch", rief das Mütterchen erfreut.

Dörflich treuherzig wollte sie ihm erzählen, wer sie für Trachim war und warum sie hergekommen sei, aber der Milizionär schien ihr Gefühl nicht teilen zu wollen, er grüßte und wandte sich wieder seinem Wasserglas zu. Das Mütterchen nahm ihm diese Unaufmerksamkeit durchaus nicht übel; sie war glücklich. Jetzt würde sich alles regeln!

In ganz anderer Stimmung ging sie durch die Stadt, als schritte er neben ihr her, ihr Trachim, und führte sie über diesen lärmenden Gehsteig. Beruhigt ließ sie den Blick umherschweifen über all die Wunder dieser brodelnden fremden Straße. Sie betrachtete die bunt geschmückten Schaufenster, blickte neugierig den Obussen nach, wunderte sich über die vielen Menschen auf den Straßen, die Sauberkeit der Gehsteige, die Kleidung und die zarten Figuren der Frauen.

Noch nie in ihrem Leben war sie in so einer großen Stadt gewesen. Sie lebte in einem stillen Dörfchen, das verloren zwischen Wäldern und Feldern lag. Gleich hinter den Katen wuchs Kiefergestrüpp, an das sich alsbald ein fauliger Sumpf und eine samtgrüne Wiese anschlossen. Auf der anderen Seite blickten die Katen auf ein weites Feld, wo ihr, wie im Wald, jede Kleinigkeit vertraut war. Hanna oder auch Andreicha, wie die Nachbarn sie nach ihrem verstorbenen Mann nannten, verließ selten und ungern diese ihr vertraute Welt. Musste sie mal etwas besorgen - Einkäufe machen, eine Bescheinigung holen oder den Arzt aufsuchen -, dann ging sie ins Nachbardorf, wo sich der Dorfsowjet befand. Oft war sie auch in der Kreisstadt und fünfmal im Jahr in Babrujsk, aber weder die Kreisstadt noch Babrujsk konnten sich mit dieser unruhigen Riesenstadt vergleichen.

Achtsam und vorsichtig trat das Mütterchen vom Gehsteig auf den Fahrdamm, um die Straße zu überqueren. Von beiden Seiten jagten Autos auf sie zu, und sie hatte Angst, angefahren zu werden.

Doch alles ging gut. Kurz darauf durchschritt sie das Tor des Hauses, in dem ihr Trachim wohnte. Es war ein altes zweigeschossiges Häuschen, oben mit regen- und altersdunklen Brettern verkleidet. Ein junger Mann in Milizionäruniform kam ihr entgegen, er sah mit seinem dunklen Gesicht und den schwarzen Augenbrauen wie ein Georgier aus. Das Mütterchen fragte ihn, ob er nicht wisse, wo hier Trachim Kulbicki wohne.

"Weiß ich", antwortete er. "Hier durch diese Tür, im ersten Stock". Und er fügte hinzu: "Aber er ist jetzt nicht zu Hause. Er hat Dienst".

"Ach", bedauerte das Mütterchen.

"Und wer sind Sie?"

"Seine Mutter".

"Warum hat er Sie denn nicht abgeholt? Versteh ich nicht..."

"Er wusste gar nicht, dass ich heute..."

Der junge Mann bat sie in seine Wohnung und machte sie mit seiner Frau bekannt. Er scherzte, ja, wenn Trachim verheiratet wäre, würde sie jetzt nicht vor der leeren Wohnung stehen, und riet ihr, ihn zu verheiraten. Dann hatte er es plötzlich eilig und machte sich auf den Weg zu seiner Arbeit. Die alte Hanna blieb mit seiner jungen Frau zurück. Diese war füllig und hatte glatt nach hinten gekämmtes blondes Haar. Die Schwangerschaft gab ihr einen weichen Watschelgang wie bei einer Gans. Da sie schlicht und freundlich war, fühlte sich das Mütterchen bei ihr schnell wie zu Hause.

Sie trank Tee, erzählte, wie Trachim als Kind war und wie sie mit Mühe hierhergefunden hatte.

"Wie schade, dass ich ihn nicht angetroffen habe", seufzte sie plötzlich, ihre Erzählung unterbrechend. "Aber vielleicht kann ich mal hingehen, um ihn zu sehen?"

"Warum nicht? Er steht auf einer Straßenkreuzung. Alle können ihn sehen. Sie müssen sich nur beeilen, er wird wohl bald abgelöst"

"Ich kann es kaum erwarten, meine Gute! Wir haben uns doch so lange nicht gesehen", sagte das Mütterchen mit flehendem Blick. "Könnten Sie nicht mitkommen?"

Die junge Frau willigte ein, das Mütterchen ließ den Korb stehen und eilte auf die Straße.

Während sie neben der jungen Frau herschritt, dachte sie an ihr Leben, an vergangene Sorgen und Kümmernisse. Der Gedanke an Trachim hatte sie stets beunruhigt. Er war nicht ihr einziges Kind, aber die sechs anderen hatten dem Mutterherzen wenig zu schaffen gemacht. Nicht dass sie ihr weniger lieb gewesen wären, nein, nur war ihr Leben gleichmäßig und gradlinig verlaufen. Die beiden ältesten Söhne waren verheiratet, und auch die Töchter hatten nach und nach einen Mann gefunden. Sogar Enkel waren schon da. Alle lebten in ihrer Nähe, vor ihren Augen, die Häuser standen fast nebeneinander, und kein Tag verstrich, an dem sie sich nicht sahen, keine Begebenheit in ihrem Familienleben blieb unbemerkt. Auch sie hatten Kummer und Misserfolge, doch nur zeitweilig, im Großen und Ganzen lebten sie wie jeder andere.

Bei Trachim ging es im Leben nicht so glatt. Erst drei Jahre hatte er die Schule besucht, als der Krieg ausbrach, und er musste sich in Wäldern und Sümpfen verbergen. Im letzten Kriegsjahr kämpfte er schon als Partisan, schoss in die Höhe, ließ sich eine Tolle wachsen, und als die Front wegrollte, ging er nur ungern wieder in die Schule. Nach einem Jahr verlegte er sich auf die Holzfällerei, zog dann in die Stadt und lebte von da an so, dass sie in ständiger Sorge um ihn war. Alle möglichen Arbeiten und Berufe probierte er durch, doch nirgends hielt es ihn lange. Im Dorf nannten sie ihn Luftikus.

"Trachim, wann wirst du endlich vernünftig?", fragte sie ihn, als er zu Besuch kam. - "Jetzt, Mutter. Ich hatte bloß noch nicht das Rechte gefunden, aber jetzt habe ich die richtige Arbeit" Er erzählte ihr von seinem Traum, Kraftfahrer zu werden. Daran, wie der Sohn sprach, erkannte sie, das war endgültig, er hatte seinen Weg gefunden. "Gott sei mit dir", wünschte sie ihm. Aber er hatte kein Glück. Sie hörte, er sei durch die Prüfung gefallen.

Danach schrieb Trachim, er sei zur Miliz gegangen, zu irgendeinem ORUD (Abteilung Verkehrsregelung), die Arbeit sei interessant und mache ihm Spaß. Die Mutter war zufrieden und zeigte den Brief einem ihrer Schwiegersöhne. Dieser, von Beruf Feldwirt, ein ernster, angesehener Mann, versetzte das Mutterherz in die alte, ewige Unruhe um Trachim. "Arbeit!" sagte er. "Na, ich danke!" Die Mutter spürte das Feindselige. "Ist das was Schlechtes?" Der Schwiegersohn entgegnete: "ORUD!" Daran, wie er dieses unbekannte Wort aussprach, erkannte sie, dass sie nicht zu fragen brauchte. Im Dorf kam aufs neue der halbvergessene Spitzname Luftikus auf; Trachim war ein Luftikus und blieb es.

Söhnchen, bist du das wirklich? Wie lange noch? dachte sie betrübt, indes sie müde über den warmen Asphalt schritt.

Bald darauf kamen sie an die Kreuzung zweier belebter und schöner Straßen. Einer der bedeutendsten Punkte der Stadt lag vor ihnen: Hier, bei einer Normaluhrsäule, trafen zwei Magistralen aufeinander - der gerade breite Prospekt und der junge grüne Komsomol-Boulevard. Beide Straßen, noch mehr aber der Prospekt, waren belebt und laut. Als die Frauen die Kreuzung erreichten, rauschten nacheinander ein Obus und ein gelber Autobus mit rotem Streifen an ihnen vorbei. Wie um die Wette jagten flinke Autos dahin.

"Da ist er ja, Ihr Trachim!" Die junge Frau nickte zu ihm hin.

Er stand, ihnen den Rücken zuwendend, mitten auf dem Prospekt zwischen zwei Autoreihen, die zu beiden Seiten der Straße in ununterbrochenem Strom dahin sausten. Er trug die weiße Sommeruniform der Miliz: glänzende Stiefel, rotrandige Mütze, die Tasche an der Seite, irgendwie sehr fremd in dieser neuen Kleidung. Dennoch, daran, wie er den Kopf hielt, an dem dünnen, braungebrannten Hals, an nur ihr bekannten Zügen erkannte sie ihn. Das war ihr Sohn, Trachim!

Zuerst war sie nicht nur erfreut, sondern auch beunruhigt: dass ihn nur nicht ein Auto streifte! Warum rasten sie so dicht an ihm vorbei, warum nahm er sich vor ihnen nicht in Acht? Ihr fiel ein, dass er schon immer unvorsichtig gewesen war, dass sie seinetwegen stets Sorgen ausgestanden hatte...

Aut einmal sah sie ihn die Hand heben, in der er etwas hielt, der scheinbar ununterbrochene Autostrom riss ab und versiegte. Jetzt wies er mit der Hand in die Richtung des schattig grünen Boulevards, und die Autos, die eben noch vor der Mutter gestanden hatten, setzten sich in Bewegung und rollten dorthin.

Sie schaute bald auf den Sohn, bald auf die Autos, die seiner Weisung harrten. Jetzt sah sie auch sein Gesicht: die eigensinnigen, noch jungenhaften Züge, die im Sonnenlicht blinzelnden Augen, die gerunzelten Brauen. In dem einen Jahr, das sie sich nicht gesehen hatten, weil er zum Fahrerkurs in die Stadt ging, war er ein Mann geworden. Er hatte so ein ernstes, so ein männliches Gesicht, so einen strengen Blick...

"Reicht es? Genug gesehen?" Die Begleiterin berührte sie am Arm.

"Was?" Verwirrt wandte sich die Mutter ihr zu.

"Ich fragte, ob Sie genug gesehen haben? Vielleicht wollen wir gehen?"

"Nein, ein Weilchen noch!"

"Ich habe keine Zeit mehr. Und Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, er muss bald abgelöst werden..."

"Gehen Sie schon immer, ich komme nach".

"Werden Sie sich auch nicht verlaufen?"

"Nein, bestimmt nicht, Wir sind ja dann zu zweit..."

Die junge Frau ging, und Hanna blieb allein zurück. Sie bemerkte, dass sie den Leuten im Weg stand, und trat zur Seite, stellte sich unter einen Baum. Offensichtlich war er erst vor kurzem in die Stadt gebracht worden, vielleicht aus der gleichen Gegend, aus der sie kam, dort gab es viele solche Linden, und als sie das Rauschen über ihrem Kopf hörte, war ihr ganz heimatlich zumute. Die Linde hatte in der Stadterde noch keine festen Wurzeln geschlagen und war mit vier Drähten am Gehsteig befestigt.

Der Sohn wandte sich aufs Neue um, hob den Stab und gab den Prospekt frei. Aufheulend, ungeduldig jagten die Fahrzeuge los. Schon ergoss sich der Strom der blauen, grünen, weißen, hellblauen Autos über die sonnenerhitzte Weite der Straße wie Flusswasser, das den Damm gesprengt hat.

Der Sohn wartete, dass der Strom versiegte, und trat von einem Bein aufs andere, das Stehen ermüdete ihn wohl. Dann beobachtete er die Straße, die den Prospekt kreuzte, blickte erst in die eine, dann in die andere Richtung und hob würdevoll den Arm: das Haltezeichen für die Autos auf dem Prospekt.

Sofort blieben sie stehen.

Selbst wenn der Sohn Minister gewesen wäre, hätten seine Macht, seine Autorität keinen größeren Eindruck auf sie machen können. In so einem Amt zeigen sich Recht und Macht eines Menschen nicht so klar und offen, nicht so anschaulich. Hier lag alles vor Augen. Dutzende Menschen ordneten sich jeder Handbewegung des Sohnes unter, kamen allen seinen Weisungen nach. Alle fuhren, wohin er erlaubte, und blieben sofort stehen, wenn er es wollte. Ihm gehorchten auch die Fußgänger, die die Straße überquerten!

Vieles setzte die alte Hanna jetzt in Erstaunen, am meisten aber, wie sicher er, ihr Trachim, auf seinem wichtigen Posten stand, wie er das verworrene, unruhige Leben auf dieser Kreuzung lenkte. Woher hatte er das bloß? Woher hatte er dieses stolze Aussehen?

Sie glaubte nicht, dass er nur strenger erscheinen, seinem jungen und gutmütigen Gesicht nur mehr Wichtigkeit verleihen wollte; sie war ganz einfach stolz auf ihn, auf ihren Sohn, auf den Sohn der ärmsten Soldatenwitwe im Dorf. Na bitte, auch ihr Trachim war ein Mensch geworden, nicht schlechter als die anderen. Man hörte auf ihn und achtete ihn!

Leute hasteten oder spazierten an ihr vorbei, besorgt, nachdenklich, fröhlich-sorglos. Sie überquerten den Prospekt, schauten auf die Autos, auf den jungen Verkehrspolizisten. Alles war wie immer, wie an jedem Tag. Auf der Kreuzung roch es übelkeitserregend nach verbranntem Benzin, und die Julisonne, der blaue Himmel und der erwärmte Asphalt strömten Hitze aus. Alles war gewöhnlich, alltäglich... Hanna aber stand unter der Linde und sah all das mit ihren altersfahlen grauen Augen ganz anders an. Ihr Herz war erfüllt vom Gefühl für die Größe des Gesehenen, und vielleicht noch nie hatte sie sich so über den Sohn gefreut wie jetzt.

Es kam ihr so vor, als schauten auch die Fußgänger und die Fahrgäste der Obusse und die Linden und die Fenster der Häuser und der wolkenlose, hohe blaue Himmel nur auf ihn, ihren Trachim!

Söhnchen, mein Kind! dachte sie. Wer hätte das gedacht!

Und aus irgendeinem Grund musste sie weinen.

 

1954




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Hannelore Freter

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