Kuźma Čorny

Das Nachtlager in Sinehi

Während großer Feldzüge sind Ruhepausen selten. Wir hatten wenig geschlafen - zusammenhängend höchstens zwei Stunden am Tag.

In dem Dorf Sinehi fanden wir noch Spuren vom Militär, das vor uns durchgezogen war: Kinder spielten mit einem Stück Feldkabel, und auf dem letzten Hof des Ortes lagen Patronen in durchwühltem Stroh vor dem Schuppen. Wir versuchten, sie in unsere Gewehre zu stecken, aber sie passten nicht, und so warfen wir sie weg.

Die zerzausten Dachfirste der acht strohgedeckten Katen des Dorfes raschelten im Wind.

Wir wollten nichts als schlafen.

In dem Haus, in das ich geriet, lebten fünf vom Krieg aufgestörte und erschreckte Menschen: vier kleine Kinder und eine Frau, ihre Mutter, eine hübsche Bäuerin, wie man sie in der Gegend von Hrodna häufig findet.

Sie wies uns zwei breite, niedrige Truhen in dem kalten Vorraum als Nachtlager an, mir und unserem Zugführer Skabakou, einem lustigen Rotkopf vom Onegasee bei Olonez. Wir lockerten notdürftig das von unseren Vorgängern niedergedrückte Stroh auf den Truhen, legten all unsere soldatische Habe ans Kopfende und sanken sofort in tiefen Schlaf.

Die Tür zum stickigen Wohnraum stand offen. Dort stritten die Kinder noch lange halblaut um ein "Kissen mit einer roten Borte", doch schließlich wurde alles still.

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Daran gewöhnt, am Morgen in Eile aufzubrechen, fuhr ich benommen hoch und versuchte, den bleiernen Morgenschlaf abzuschütteln. Der junge Tag schickte sein erstes Licht durch das kleine Vorraumfenster.

"Noch fünf Minuten, dann wecke ich Skabakou!", dachte ich, gegen das schwere Schlafbedürfnis ankämpfend. Ich legte die Hände unter den Kopf und presste die Ellbogen an die Ohren. Meine Schläfen hämmerten, mein Schädel schmerzte.

Im Innenraum sprach jemand.

"Wach auf, Junge!" sagte die Bäuerin.

Sie bekam keine Antwort.

"Junge, hörst du!"

"Ach, Mutter..."

"Komm, komm! Wer soll denn aufstehen? Du bist doch jetzt der Älteste".

"Lass mich noch ein bisschen schlafen!"

"Ruh dich am Tage aus, jetzt geht es nicht! Wen soll ich denn sonst wecken?"

Der Junge weinte. Er wimmerte langgezogen, mit unterdrückter Stimme, offenbar schon wieder im Schlaf. Dann verstummte er. Auch die Frau sagte nichts mehr.

Ich erhob mich und weckte Skabakou. Dann trat ich in die Stube.

Die Bäuerin zerriss eben ein altes, schon fadenscheiniges Hemd.

"Guten Morgen!", grüßte ich.

"Guten Morgen!", erwiderte sie.

"Hab Dank für das Nachtlager. Wir rücken jetzt ab".

"Ihr geht schon wieder?"

Was sollte ich noch vorbringen? Ich sagte: "Lass doch den Jungen noch schlafen, damit er zu Kräften kommt" Mir war, als hätte ich eine Schuld auf mich geladen.

"Was kann ich denn dafür?", entgegnete die Bäuerin plötzlich schnell und laut. "Wie soll ich allein zurechtkommen? Mein Mann ist nicht da, er steht im Krieg. Ich muss heute den Hafer anfangen zu schneiden, ich muss mir ein Pferd besorgen, um wenigstens eine kleine Fuhre einzufahren, dann muss ich einen Teil ausdreschen, notfalls mit dem Waschholz, damit ich es am Abend auf dem Stein mahlen kann, nachdem es tagsüber auf dem Ofen getrocknet ist. Morgen muss ich Brotteig einkneten".

"Habt ihr kein Pferd?"

"Das haben die Polen vorgestern in ihren Tross geholt. Zusammen mit dem Jungen".

"Mit welchem Jungen?"

"Na, mit meinem".

"Du hast noch einen großen Sohn?"

"Woher denn! Wenn er schon groß wäre, würde ich mir ja gar nicht solche Sorgen machen! Jetzt muss unser Jüngster hier die Kuh auf die Weide treiben, aber ich kriege ihn nicht wach. Und ich kann ihm nicht mal was zu essen geben. Gestern früh hatte ich ein paar Kartoffeln gerodet, sie sind noch zu klein, aber ich hab sie den Soldaten vorgesetzt - sie kamen barfuss, abgerissen und ausgehungert hier an, und ich dachte, vielleicht geht's meinem Mann auch so, und es tut ihm jemand was Gutes".

Sie trat an das Bett.

"Steh auf, Junge! Ich habe dir ein paar neue Fußlappen aus einem alten Hemd von mir gemacht, damit du was Weiches um deinen Fuß wickeln kannst. Zieh Michalkas Bastschuhe an, die sind schön groß und bequem! Komm, steh auf!" Sie beugte sich über den Jungen. "Es muss bald aufgehen".

"Was muss aufgehen?" fragte ich.

"Das Geschwür. Zu allem Unglück hat er sich vorige Woche auch noch den Fuß an einer Wurzel aufgestoßen, und die Wunde ist vereitert".

Ich beugte mich ebenfalls über das Bett. Der Junge schlief. Am linken Fuß, seitlich neben den Zehen, wölbte sich eine schmutzverklebte weißliche Beule.

Ich ging hinaus in den Vorraum. In meinem Tornister fand ich nichts Essbares außer zwei getrockneten Fischen. Ich nahm sie und legte sie in der Stube auf eine Bank. Es war meine gesamte Soldatenverpflegung.

Dann verließ ich mit meinem Kameraden Skabakou für immer dieses Haus.

Während wir noch auf den Abmarschbefehl warteten, sah ich den Jungen: hinkend, nur mit der Ferse auftretend, trieb er die Kuh vor sich her. Vor dem Haus stand seine Mutter - groß und kräftig wie alle Bäuerinnen um Hrodna.

Fünfzehn Minuten später lag das Dorf Sinehi bereits hinter uns.

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Wir aber zogen weiter.

Ein langer Marsch erwartete uns - während großer Feldzüge sind Ruhepausen selten.

 

1927




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Hartmut Herboth

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