Maksim Bahdanovič

Die Geschichte von dem Ikonenmaler und dem Goldschmied

zwei weisen und redegewandten Männern, zu Gottes Ruhm wie zur Vermehrung des allgemeinen Wohls an den Tag gebracht von einem Bücherfreund

Bis zum heutigen Tage denken ältere und erfahrene Leute, welche ein gutes Gedächtnis besitzen, neidvoll an jene Zeit in der Geschichte der ruhmreichen Stadt Wilna zurück, da die Salzsteuer für das einfache Kristallsalz um die Hälfte herabgesetzt wurde. Zur gleichen Zeit erhielten die Wilnaer Bürger durch die Gnade Seiner Königlichen Majestät auch das Privileg, jährlich drei Tage lang vor dem Fest der Geburt Jesu Christi abgabefrei ihren Met zu brauen und weder Brausteuer noch Wachszoll an den Fiskus abzuführen.

Aus diesem Grunde war es in Wilna zur Gewohnheit geworden, hin und wieder ein Stündchen bei einem Kelch hausgebrautem Met zu verplaudern. Auch der Goldschmied Anton Korsh, ein allerorts geachteter Meister, lud bisweilen den einen oder anderen seiner Bekannten zu sich in die Deutsche Straße ein, um sich mit ihm an Winterabenden die Zeit gebührlich zu verkürzen. So saß auch am Tage der heiligen litauischen Königin Charycina ein Gast, und zwar der gute und sanftmütige Raman Jakubovitsch, in der schönen Ecke des Goldschmiedeladens, vor sich einen bis an den Rand gefüllten Becher.

Schon in seiner Jugend hatte er gelernt, die Bildnisse unseres Herrn, seiner jungfräulichen Mutter und verschiedener Heiliger zu malen, indem er mit frommem Sinn zarte Farben auf glattgehobelte und mit Kreide grundierte Ahornbrettchen auftrug. Fünf Jahre hatte seine Lehrzeit gedauert, zwei weitere musste er Geselle sein, und als diese Frist vorüber war, heiratete Jakubovitsch, dem Brauche getreu, die älteste Tochter seines Meisters namens Ahata, erlangte dadurch rechtens den Meistertitel und hatte von nun an seinen ständigen Lebensunterhalt. Infolgedessen pflegte ihn sogar Herr Korsh zu sich einzuladen, wenn natürlich ein Ikonenmaler auch nicht mit einem Goldschmied gleichgestellt werden darf, sondern sich von ihm so sehr unterscheidet wie beispielsweise eine Dreigroschenfarbe von ausgeglühtem, fünfmal im Feuer geläutertem Gold. Aber Korsh, ein vermögender und angesehener Geschäftsmann, der nicht wenig in der Welt herumgekommen war und vieles erfahren hatte, behandelte niemanden von oben herab, vergab dabei jedoch auch seiner Ehre nichts. So nippte er auch jetzt an dem dunkel-bernsteinfarbenen Met und hörte den Worten seines Gastes aufmerksam zu.

"Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen", so sprach der Ikonenmaler Raman Jakubovitsch, "dass Salvator Rosa, ein geschickter, fleißiger und begabter Meister, der aus Italien in unser Land gekommen ist, gemeinsam mit seinen Schülern die Kirchenwände in Polack mit Ikonen ausmalt, dabei das Althergebrachte unserer Malweise außer acht lässt und zahlreiche Neuerungen einführt, wodurch seine Ikonen ganz anders aussehen als die bisherigen, was denen, die am alten festhalten und Gottes Kirche anhängen, ganz und gar nicht recht ist. Weiter wird erzählt, dass dieser Italiener, dem es nur um die Schönheit zu tun ist, während er sein Seelenheil völlig aus den Augen verloren hat, auch heidnische Götter und dergleichen malt, woran ein guter Ikonenmaler besser nicht einmal denken sollte. So etwas ist bei den Meistern der alten Zeit, die uns Vorbild sind, nirgends anzutreffen. Das Schlimmste jedoch ist, dass die Polacker Ikonenmaler, welche russischen Glaubens und in ihrer Arbeit begabt und erfahren sind, diese Neuerungen bereits übemehmen und ihrerseits allerlei Leute, selbst einfachen Standes, dazu Flüsse, Wälder, Wiesen und vieles andere malen und mit alldem nur ihre Zeit und Arbeitskraft vergeuden; denn jedermann begreift doch wohl, dass eine heilige Gottesikone, mag sie auch ungeschickt ausgeführt sein, unendlich viel mehr wert ist als das beste Bild irgendeines Heidengötzen. Jene Meister aber geben nichts darauf, und darum ist in Polack die ehrwürdige und dem hergebrachten Kanon treuergebene Ikonenmalerei in Verfall geraten, den verfluchten Gottlosen zur Freude, hingegen allen guten Leuten zum Kummer und großen Leidwesen".

Als Herr Korsh sah, dass der Ikonenmaler seine Rede beendet hatte, schob er seinen Mettbecher zur Seite und hob bedächtig folgendermaßen an: "Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich nicht dazu äußerte, denn in Farben und Pinseln kenne ich mich nicht so gut aus wie in meinen goldenen und silbernen Sachen, die an Schönheit ihresgleichen weder in Wilna noch im gesamten Großfürstentum Litauen haben. Aber ich habe stets die Erfahrung gemacht, dass man sich hüten sollte, eine Sache nur deshalb zu schmähen, weil wir sie als etwas Neuartiges erkennen müssen; denn alles, was wir jetzt neu nennen, wird über kurz oder lang alt sein und den Menschen aller Stände vertraut, ehrwürdig und beschützenswert erscheinen. Ich bin infolge meiner Arbeit nicht wenig herumgekommen, habe mich bei den Tschechen und Deutschen umgeschaut und zu meiner Zeit in fernen Ländern viel gesehen. Solche Bilder, wie sie Salvator Rosa mit den Polacker Ikonenmalern anfertigt, sind dort überall gang und gäbe und setzen niemanden mehr in Erstaunen; jedermann findet Gefallen an ihrer Schönheit, und den begabten Meistern bringen sie Ruhm und Ehre ein. Das wird gewiss auch bei uns geschehen, ist das Neue erst einmal alt geworden; dann werden die Polacker Salvator Rosa vielleicht hochschätzen, mag uns das jetzt auch noch unwahrscheinlich anmuten.

Auch die Ansicht, dass eine Ikone stets von höherem Wert sei als jede andere Malerei, muss ich für ungerechtfertigt halten. Denn nicht was ein Meister malt, sondern nur wie er es tut, nur seine Begabung und seine Hingabe können dem Bild Lob einbringen und Wert verleihen. Die Ikone der Vostrabramschen Gottesmutter, wenn sie ein guter und gewissenhafter Meister gemalt hat, kostet acht oder zehn litauische Groschen; für die gleiche, von einem ungeschickten Schüler gearbeitete Ikone gibt niemand etwas. Denn der Wert eines Bildes hängt allein von der Schönheit seiner Ausführung ab, was jeder Ikonenmaler sicher besser weiß als ich".

Nach diesen Worten schloss der Goldschmied eine eisenbeschlagene, eichene Truhe auf, holte zwei silberne Leuchter hervor und stellte sie auf den Tisch neben das Öllampchen. Dann sagte er: "Der Vernünftige greift gern zu allerlei Beispielen, um seine Gedanken darzulegen; auch König Salomon bediente sich ihrer, wie uns die Heilige Schrift belehrt. Cicero und Aristoteles, weise und in der Philosophie bewanderte Männer, wenngleich nicht vom rechten Glauben erleuchtet, hatten ebenfalls eine große Vorliebe für Beispiele und benutzten sie stets.

So sollen mir, damit meine Gedanken klar und anschaulich werden, diese Leuchter als Beispiel dienen. Sie sind von gleichem Gewicht und aus dem gleichen Silber gegossen, und doch kostet der eine siebenmal mehr als der andere, denn für seine Anfertigung bedurfte es einer außerordentlichen Kunstfertigkeit. Da die Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit nur im Äußeren des Gegenstandes oder, wie manch einer heutzutage sagt, in der Form zum Vorschein kommt, müssen wir zugeben, dass der Wert eines schönen Erzeugnisses je nach der Schönheit seiner Form zunimmt. Allein an der Schönheit der Form lässt sich sein Wert ermessen.

Davon können wir uns am besten an Hand der Goldschmiedekunst überzeugen. Denn je mehr ein Gegenstand durch die Arbeit des Meisters an Schönheit gewinnt, um so wertvoller wird er. Auch die Begabung des Meisters ist desto höher zu veranschlagen, je besser er ein Stück Silber oder Gold zu formen versteht. Deshalb halte ich mich, der ich doch kein schlechterer Christ bin als andere, bei meiner Arbeit nur an die Schönheit der Form, ohne an den Verwendungszweck der goldenen Kleinodien zu denken, mögen sie nun der Zierde eines Muttergottesbildes dienen oder mag ein Trunkenbold und Wüstling sie benutzen, um sich zu schmücken".

So sprach Anton Korsh, denn er war ein weiser und redegewandter Mann. Aber die Nacht war bereits hereingebrochen, die Wache ging durch die Straßen und befahl allen im Auftrage des Herrn Bürgermeisters, die Lichter zu löschen und die Türen zu schließen. So verabschiedete sich auch der Goldschmied, nachdem er den Abend mit dem Ikonenmaler bei ehrbarer Unterhaltung verbracht hatte, von seinem Gast und sperrte seinen Laden mit einem deutschen Schloss fest zu. Beide hegten sie bei sich den Wunsch, zur Erbauung des Gemüts und des Verstandes auch fürderhin miteinander zu verkehren.

 

Vorliegende, in alter Mundart abgefasste Handschrift machte Maksim Bahdanovič ausfindig und übertrug sie in die heutige Sprache.

 

[1914]




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Norbert Randow

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