Maksim Harecki

Birkenteer

I
II
III


 

I

 

In dem abgelegenen Kreisstädtchen flanierte man an warmen Maiabenden die Hauptstraße auf und ab.

Die Flieder- und Akaziensträucher erfüllten die Luft mit schwerem, betäubendem Duft. In den Linden brummten Maikäfer.

Inmitten der aufgeputzten Menge spazierte mit ihren Kavalieren auch Julija Puchalskaja, eine frische stupsnasige und rundgesichtige Gymnasiastin.

Sie war bei ihrer kinderlosen Tante zu Besuch, der Frau des Feldschers. Ins Gymnasium ging sie jedoch in ihrem Heimatstädtchen, ebenfalls einer Kreisstadt. Nach dort wollte ihr Vater sie dieser Tage abholen.

Vor ihrer Abreise bummelte sie noch soviel es ging herum.

Im Herbst hatte sie eine Nachprüfung in Mathematik abzulegen, dann würde sie Schülerin der siebenten Klasse sein.

"Ach, was Sie sagen! Sobald ich weggefahren bin, ist alles zu Ende", sagte sie mit einem munteren Blick nach rechts, wo ihr ein rundlicher Gymnasiast mit Pickeln auf dem Kinn assistierte.

"Weshalb wollen Sie mich kränken?", erwiderte der Kavalier vielsagend und mit einem Seufzer.

Zu ihrer Linken hatte sie zwei Kavaliere, Schüler der hiesigen Landwirtschaftsschule, der eine war klein, der andere hochaufgeschossen. Der Kleine ging neben Julija, offenbar hatte er seinen langen, wortkargen und schüchternen Kameraden mit ihr bekannt gemacht und half ihm nun weiter.

"Also ohne Eisenbahn ist es sehr schlecht, und in unserem Gouvernement sind also fast alle Kreisstädte ohne Eisenbahn, ja", brachte der Lange endlich heraus, um auch etwas zu sagen.

Alle warteten, bis er geendet hatte, er geriet sogar in Eifer, als er schloss.

"Wie ist das, Julija, schickt man für Sie eigene Pferde vom Gut, oder müssen Sie mit der Postkutsche fahren?", fragte der Kleine. Der Gymnasiast hatte ihm erzählt, dass Julijas Vater einen kleinen Gutshof besitze.

"Ach, ich weiß selbst noch nicht genau", antwortete sie irgendwie einsilbig. "Wahrscheinlich wird man von zu Hause Pferde schicken".

Sie hatte "ein Pferd" sagen wollen, sagte aber trotzdem "Pferde". Die jungen Männer fragten, ob sie kommen dürften, sie zu verabschieden? Das Mädchen jedoch verriet nicht, wann sie abfuhr.

"Wie ich Sie beneide, Julija. Im Sommer fahren Sie auf Ihr Gut, dort gibt es bestimmt einen Fluss, Wald, Beeren, Vögel, Blumen, ach ja ...", flötete der Kleine. "Ich würde mich im Unterholz verstecken und den ganzen Tag lang mit einem Buch dort sitzen bleiben, so dass mich niemand findet".

"Was soll mir das alles, wenn ich jetzt wohl die letzten Male mit Fräulein Julija spazieren gehe", sagte der Gymnasiast leise und absichtlich undeutlich, wobei er dem Mädchen ziemlich nahe rückte.

Die Jungen auf der anderen Seite hatten nichts gehört, und auch Julija fragte: "Wie? Was?", als hätte sie nicht alles verstanden, doch sie lachte hell und fröhlich, und ihr Herz schlug ein wenig schneller.

"Nehmen Sie mich mit auf Ihr Gut", wagte plötzlich auch der lange Kavalier zu scherzen.

 

II

 

Der Landedelmann Puchalski wohnte in der Stadt und hielt sich für einen Bürger; außerhalb der Stadt jedoch besaß er ein Stück Land und bestellte es wie ein gewöhnlicher Bauer; er lebte davon, und obwohl er in Stiefeln ging, unterschied er sich in nichts von der benachbarten Bastschuhschlacht und den wohlhabenderen Bauern.

Er hatte in eine reiche Familie eingeheiratet. Seine Julja ließ er nur deshalb lernen, weil die Feldschersfrau - eine Schwester seiner Frau - das so gewünscht hatte und ihn dabei ein bisschen unterstützte und weil Gott ihm keine Söhne geschenkt hatte. Die Tante hatte Julija auch aus der Taufe gehoben.

Am Sonnabendmittag fuhr er nicht aufs Feld. Er trieb das Pferd auf die Heuwiese hinter dem Garten und machte sich daran, den Einspänner für die Reise zurechtzumachen. Er zog ihn aus dem Schuppen, drehte ihn um und legte Stroh hinein.

"Ich hätte heute gut noch aussäen können, aber ich muss hier wegen deinem Fratz meine Zeit verschwenden", schimpfte er mit seiner Frau, während er im Schuppen nach der Teerbüchse suchte.

Seine Frau sammelte eine Handvoll Späne, sie buk für ihre reiche Schwester allerlei Krapfen und war schon etwas in Verzug geraten.

"Dieser Fratz ist meiner so gut wie deiner. Du hättest das Mädchen nicht auf die hohe Schule schicken sollen; das ist nichts für Mädchen. Ich hätte dann wenigstens eine Hilfe gehabt. Aber so haben wir nur Ausgaben, immer sind wir allein und müssen uns noch abrackern auf unsere alten Tage. Dazu muss ich für sie noch waschen; wer weiß, wann da ein Nutzen aus dieser ganzen Wissenschaft herausspringt!"

"Fängt das Lamentieren schon wieder an! Warum hast du denn keinen Jungen zur Welt gebracht, sondern nur so eine Puppe, wie du selbst eine bist?"

Die Puchalskaja rannte ins Haus, um die Späne in den Ofen zu werfen und das Feuer nicht ausgehen zu lassen. Pan Puchalski schob eine Stange unter das Vordergestell, stützte sie mit dem Krummholz ab und wollte den Bolzen herausziehen. Er war schon ein ziemlich alter Mann, und es fiel ihm nicht leicht, den Wagen ohne solche Hilfsmittel anzuheben.

Der Bolzen stak jedoch fest in der Wagenschmiere und ging nicht heraus. Puchalski suchte eine Bastschlinge, band sie um den Bolzen, bückte sich und zog an. Plötzlich sprang der Bolzen heraus, das Krummholz fiel um, und das hochgestützte Vordergestell des Wagens kam wieder auf der Erde zu stehen - dem Alten gelang es gerade noch, seinen Kopf wegzuziehen.

Er kratzte sich im Nacken und rief seine Frau.

Sie kam und hob den Wagen an, der Mann nahm das Rad ab und strich mit dem Birkenteerpinsel rasch über die Achse, damit möglichst wenig auf die Erde tropfte.

So schmierten die Alten den Wagen, dann rollten sie ihn ein bisschen auf dem Hof hin und her, damit sich der Birkenteer auf der Achse verteilte und nicht heruntertropfte. Ein weiter Weg stand bevor - so an die fünfzig Werst.

Als er das Pferd gefüttert hatte und mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, ging Puchalski ins Haus, zankte sich ein wenig mit seiner Frau wegen des Mehls herum, rasierte sich, wusch sich mit Seife, zog ein weißes Hemd und einen Rock aus hausgewebtem Tuch an, aß Mittag und schärfte seiner Frau ein, wie und was sie zu tun habe. Dann fuhr er gegen Abend mit seinem Grauschimmel los, um seine Tochter abzuholen.

 

III

 

Den Sonntag verbrachte Puchalski bei der Feldschersfrau, wenn er freilich auch die meiste Zeit im Garten saß, wo sein Pferd angebunden war.

Am Montag in aller Frühe war der Grauschimmel auf dem Hof der Feldschersfrau schon eingespannt. Er hatte sich in der Nacht gut sattgefressen und stampfte jetzt mit den Hufen, schüttelte die Mähne und schlug mit dem Schwanz um sich; er wollte hinaus ins Freie.

Puchalski hatte den Wagen noch einmal geteert, und der bernsteinfarbene Birkenteer tropfte von den Radnaben. Er mischte sich mit der taufrischen Erde und strömte einen angenehmen Duft aus, der friedfertig und heiter stimmte.

Im Wagen war eine Pferdedecke ausgebreitet, hinten lag ein Pfühl, damit es weich war, und vom auf dem Heu lag ein Bauernmantel, darauf die Peitsche. Man brauchte nur noch Platz zu nehmen, und die Fahrt konnte beginnen.

Die Tante hatte Julija noch einmal an den Tisch genötigt und ihr vor der Reise eine Pirogge und ein Glas Milch angeboten.

Julija musste sich hinsetzen, doch sie aß und trank ohne Appetit. Ihr war vor der Abfahrt beklommen zumute.

Gestern war sie wieder die Hauptstraße entlangspaziert und hatte dabei von allen ihren Kavalieren Abschied genommen. Sie hatte ihnen verboten, ihr bei der Abreise das Geleit zu geben. Seit heute morgen, seit dem Aufstehen, war sie schlechter Laune.

Letzten Endes beherrschte sie sich jedoch, verabschiedete sich von der Tante, und alle gingen auf den Hof hinaus.

Vornweg schritt Pan Puchalski. Er hatte gut geschlafen, gut gegessen und getrunken und bedauerte nicht mehr, dass er den ganzen Sonnabend vertan hatte und nun auch noch den Montag verlieren würde. Er dankte Julijas Patin und dem Paten für die Gastfreundschaft, die sie ihnen erwiesen hatten, lud sie für den Sommer zu sich ein und öffnete höchst befriedigt das Tor.

Als Puchalski zu den Linden hinüberblickte, die der Feldscher vor der Treppe seines Hauses gepflanzt hatte, entdeckte er auf der Bank drei Schuljungen mit Fliedersträußen. Was suchen die denn hier? dachte der Alte und führte das Pferd auf die Straße.

Nun traten Julija und die Tante auf die Treppe. Julija schaute auf die Straße und errötete tief. Alle drei Kavaliere kamen mit ihren Fliedersträußen an die Treppe. Sie verneigten sich höflich vor der Tante und ihr.

"Entschuldigen Sie, Fräulein Julija. Wir wollten Ihnen eine Überraschung bereiten", sagte der Gymnasiast und überreichte ihr die Blumen. Er machte sogar einen Kratzfuß, als befände er sich nicht auf der Straße.

"Meiner ist noch besser!" sagte der Kleine und reichte ihr seinen Strauß. Sein langer Kamerad drückte ihr sein Bukett wortlos in die Hand.

"Nun, Gott segne dich, mein Kind", sagte die Tante.

Ohne sich umzuschauen oder erst auf die Radnabe zu treten, sprang Julija wie ein Junge auf den Wagen. Sie setzte sich auf dem Pfühl zurecht, wickelte sich in ihr Tuch, starrte vor sich hin und sagte freudlos: "Danke, danke".

Nun nahm auch ihr Vater Platz und trieb den Grauschimmel an; Julija schwankte zurück - sie fuhren ab. "Schreib mal, Julija!" rief die Tante ihr nach.

Die Schüler gingen noch eine Weile nebenher. Der Gymnasiast war versehentlich in den Birkenteer getreten, der von der Nabe heruntergetropft war, und schlenkerte jetzt ununterbrochen mit dem Fuß, um den Teer wieder loszuwerden. Dieser klebte jedoch fest an der Sohle, und der Junge ärgerte sich, dass Julija Puchalskaja gar nicht die war, für die er sie gehalten hatte.

Der Kleine winkte; der Lange schwieg und war bereits etwas zurückgeblieben.

Schließlich blieben sie alle stehen, und der Wagen fuhr mit Julija schnell zur Stadt hinaus.

Die Fliedersträuße lagen irgendwie ungeschickt auf dem Bauernmantel. Puchalski betrachtete sie, schnaufte und fragte, sein Schmunzeln unter dem Schnurrbart verbergend: "Sitzt du auch weich, gnädiges Fräulein?"

"Ja", murmelte Julija und drehte sich weg, um nicht loszuheulen.

Die Sonne stieg hoher. Der Grauschimmel schüttelte die Mähne und wirbelte mit seinen Hufen Staub auf, der sich mit dem Birkenteer zu einem angenehmen Reisegeruch verband.

Das Städtchen blieb zurück; ringsum waren weit und breit nur melancholische Felder zu sehen. Am Horizont blaute der Wald.

Eine Lerche schwang sich hoch in die Luft und trillerte ihr Lied.

 

1915




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Norbert Randow

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