Michaś Zarecki

Das Poem von den schwarzen Augen

Sieben Jahre lang habe ich dich im Wirrwarr des Lebens gesucht, um das unterbrochene Lied unserer Freundschaft zu beenden. Ich hatte keine Sehnsucht nach dir, ich seufzte nicht und weinte nicht. Doch sah ich dich zuweilen vor mir, wenn ich mich der vergangenen Tage erinnerte (denkst du noch manchmal an unsere Feldzüge?). Ich sah vor mir deine schlanke, geschmeidige Gestalt in der Uniform und deine scharfen schwarzen Augen. Und da glaubte ich, dass ich dich suchen müsste, damit wir das unterbrochene Lied unserer Freundschaft zu Ende führten. Und nun endlich habe ich dich gefunden. Zufällig hörte ich, du seiest hier, und ich ging zu dir, erfüllt von unklarer Unruhe und Freude.

In diesem rosa Zimmer mit dem weichen Sofa, mit den Teppichen an den Wänden fühle ich mich bedrückt und unbehaglich. Ich weiß nicht, wie ich mit dir sprechen soll. Du hast Mitleid mit mir. Ich bange um unser Lied, um unsere Freundschaft. Warum haben wir uns nicht irgendwo an den windoffenen Ufern der eiskalten Dzvina getroffen, warum stecken meine Beine nicht in löchrigen Schuhen und Wickelgamaschen, warum trägst du nicht den dicken Soldatenmantel, der deine fraulichen Formen bescheiden verbarg, den Mantel, in dem du mir ein teurer, lieber Kamerad warst?

Ich betrachte dein Gesicht und entdecke darauf etwas Neues, etwas Schweres, Sattes. Deine Augen sind vom Wohlleben schmal geworden, dein Lächeln wirkt gezwungen. Ich mochte nicht hinsehen, und doch kann ich den Blick nicht abwenden. Du tust mir leid, mein teurer, lieber Kamerad; es tut mir leid um unsere Vergangenheit.

Warte, ich werde dich an diese Vergangenheit erinnern, ich werde die träge Zufriedenheit von deinem Antlitz wischen, damit die Begeisterung in deinen schwarzen Augen wieder leuchtet und du so wirst, wie du in jenen stürmischen Tagen warst.

Du kamst damals zu uns, von jugendlichem Tatendrang erfüllt. Sofort wusste ich, dass du kämpfen, dass du dich unserer Sache hingeben wolltest ind bereit warst, für sie zu sterben. Gleich bei der Ankunft sagtest du mit blitzenden Augen: "Genosse Kommissar! Geben Sie mir ein Gewehr und schicken Sie mich in eine Kompanie!"

Ich behielt dich beim Stab. Aber nur schwer konnte ich dich davon überzeugen, dass man sich auch hier nützlich machen konnte, dass die Gefahr hier nicht geringer war und man auch hier Leute brauchte.

Da blühte etwas zwischen uns auf. Ich nannte es Freundschaft, was es aber wirklich war, weiß ich nicht. Du hast mir sehr geholfen. Du hattest damals Kraft. Erinnerst du dich an deine scherzhafte Bemerkung von der "nassen Behaglichkeit"?

Oh, das war eine schwere, schreckliche Nacht! Wenn ich an diese Nacht denke, fühle ich die Kälte körperlich, ich fahre zusammen, als übergieße mich jemand mit eiskaltem Schneewasser. Und du schwaches Mädchen tröstetest mich mit deiner unsinnigen Idee, dass man sich auch in kaltem Regen wohl fühlen könne. Man dürfe sich nur nicht rühren, sagtest du, und müsse sich einbilden, der Regen sei warm und tue einem gut. "Eine nasse Behaglichkeit empfinden" nanntest du das. Ich erinnere mich, dass ich versuchte, deinem Rat zu folgen; und wirklich verspürte ich eine gewisse wohlige Wärme. Da gab ich auch den anderen Rotarmisten den Tip.

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Nein, ich habe dich nicht geliebt. Nicht die Frau sah ich in dir. Vielleicht, weil ich damals an etwas anderes dachte, an Dringenderes, Wichtigeres, genau wie du, wie alle, die mit uns waren. Ich erinnere mich an den Abend auf dem Gutshof... Es kam unbeabsichtigt und unerwartet. Ich hatte es nicht gewollt. Hinterher war es mir unangenehm. Ich weiß noch (heute kommt es mir lächerlich vor, aber ich will es dir doch sagen), ich nahm dich an der Hand und wunderte mich, dass sie so klein und weich war, dass sie so zart und nachgiebig in der meinen lag, ein wenig zitternd...

Nein, geliebt habe ich dich nicht.

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Noch etwas. Wenn sich der klare gelbe Herbst über Wälder und Felder breitet und die Ferne sich kristallrein abhebt, wenn die Flur von moosbeerartigem Duft vergilbten Grases erfüllt ist, dann denke ich an unsere Märsche. Lass mich die Erinnerung an all das Unvergessliche, Vertraute und Freie ins Gedächtnis zurückrufen.

Die Kolonnen auf dem Marsch. Gelegentlich halblaute Stimmen. Dumpfes Pferdegetrappel auf dem weichen Waldboden. Jemand summt kaum hörbar ein Lied. Ein Pferd scheut und stolpert. Leise ertönt ein Kommando.

Der dunkle Wald schweigt verschlafen. Mitunter streift ein herabhängender Zweig das Gesicht wie ein Greisenbart und hinterlässt eine unangenehme Feuchtigkeit.

Über allem liegt wachsame Stille. Der Geruch von Pferden, von Soldatenmänteln und den vielen Menschen vermischt sich.

Oder ein anderes Bild: Schwach wärmt die Herbstsonne. Ein alter Birkenweg wie ein löchriges gelbes Band. Gemessen und ruhig schreiten die Infanteristen aus. Der Staub gleicht pulverisiertem Stahl, er hüllt alles ein.

Ein Lied.

Du warst mit uns. Du hast mitgesungen: den Kopf zurückgeworfen, die Augen zusammengekniffen, als blende dich die Sonne. Erinnerst du dich, wie herzhaft die Jungs lachten, wenn du sangst?

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Hör zu, noch ein Letztes. Denke an den Tag unserer Trennung. Er war schwer für mich, dir aber bereitete er Qualen. Doch ich bereue nichts, mir tut nichts leid.

Erinnerst du dich an die erbitterten Kämpfe? Weißt du noch, welche Aufregung in unserem Stab, welches Durcheinander überall herrschte? Die Musik dieses Gefechts tönt bis heute in mir fort. Sie ist zu einem mächtigen Akkord angewachsen, in dem der Kanonendonner mit dem Geknatter der Maschinenpistolen und der Gewehre zusammenklingt, das verzweifelte Knarren der Trossfahrzeuge mit dem Stöhnen der Verwundeten und dem hastigen Gerenne der verängstigten Soldaten.

Unser Regiment schlug sich tapfer. Aber das Kriegsglück war nicht auf unserer Seite. In jeder Minute erreichten neue alarmierende Nachrichten den Stab. Nur mit Mühe hielten wir die Verbindung zu den Truppenteilen aufrecht. Alle Melder waren unterwegs, viele kehrten nicht zurück. Der Stab bereitete eilig den Rückzug vor.

Da kam die Order, das Regiment aus den Stellungen abzuziehen. Wir hatten keine Melder mehr im Stab, um den Bataillonen den Befehl zu überbringen.

Ich hatte nicht vor, dich zu schicken, nicht im entferntesten hatte ich daran gedacht. Aber du standest in der Nähe, und ich sah zufällig zu dir hin. Da konnte ich nicht anders.

Du warst ungewöhnlich. Ich erinnere mich gut, wie du in jenem Augenblick aussahst. Unbeweglich schautest du mich an, einen Schritt vorgetreten; dein Gesicht schneeweiß, und schwarz blitzten deine Augen, nein, keine Augen, sondern schwarze Feuer - lebendig und glühend.

Ein einziger Wille und ein Ziel beseelten dich.

Große Freude überkam mich damals, vielleicht habe ich dich in jener Minute sogar geliebt. Ich musste mich beherrschen, um dir nicht entgegenzustürzen und dich in die Arme zu nehmen, meinen geliebten Kameraden, einen Helden. Absichtlich rief ich dich kurz angebunden nur mit deinem Familiennamen. Absichtlich sagte ich kein Wort mehr als den lakonischen Befehl. Ich konnte kein Auge von dir abwenden; es gefiel mir, wie du tapfer das Gewehr nahmst, geschickt aufs Pferd sprangst und wie ein Vogel über das Feld dem Tod entgegenflogst.

Schön warst du damals. So bist du mir auch in Erinnerung geblieben, so habe ich dich all die sieben Jahre vor mir gesehen, eine solche Frau habe ich gesucht.

Dann begegnete ich dir noch einmal auf der Straße hinter dem Dorf. Wir ritten unseren Truppen entgegen, bahnten uns einen Weg durch das Meer von Pferdewagen, berittenen und zu Fuß gehenden Menschen, durch das Tohuwabohu des Rückzuges. Unsere Soldaten brachten dich auf einem zweirädrigen Gabelwagen. Als sie mich erblickten, hielten sie an und schauten fragend zu mir herüber, einen Befehl erwartend.

Du sahst mich mit stillen, erloschenen Augen an, deren verhaltene Tränen unterdrückte Schmerzen verrieten. Ich weiß, du wolltest bei mir bleiben, du brauchtest einen nahen Freund, du wolltest ein aufmunterndes, mitfühlendes Wort hören. Vielleicht war ich zu hart, vielleicht hätte ich anders handeln können. Aber ich bereue nichts, es tut mir nicht leid. Ich folgte den Gesetzen des Krieges. Erinnerst du dich? Nur zwei Worte habe ich gesagt: "Ins Lazarett".

Bevor der Wagen abfuhr, trafen sich unsere Blicke noch einmal. Ich glaubte, du hättest mir zugelächelt. Doch das schien mir wohl nur so, weil ich es gern wollte, weil ich auf dein Lächeln wartete.

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Das war alles. Seitdem habe ich dich sieben Jahre lang gesucht, um das unterbrochene Lied unserer Freundschaft zu Ende zu singen. Und nun habe ich dich gefunden. Ich sitze vor dir, verwirrt durch das rosa Zimmer mit dem weichen Sofa, mit den Teppichen an den Wänden, betroffen von einem neuen Ausdruck aus deinem Gesicht.

Nein, ich habe dich nicht gefunden, ich suche dich noch immer. Ich mustere forschend deine hübsche üppige Gestalt in feiner Seide, mit schmerzlicher Spannung vertiefe ich mich in deine Züge, mein bohrender Blick möchte die träge Glätte, das abstoßende Bild des Wohlstands durchdringen. Bist du das - mein teurer, lieber Kamerad, der Held? Ich suche dich, hörst du, und finde dich nicht. Voller Schmerz und Angst betrachte ich dein gepflegtes Äußeres - es ist mir fremd, ja zuwider.

Du lächelst? Tu es nicht - du zeigst die Zufriedenheit eines Tieres. Es besteht keine Veranlassung, zu lächeln.

Deine Augen sind leer. Das schwarze Feuer fehlt, ich sehe nicht in die blitzenden Augen meines Helden.

Jetzt begreife ich. Nicht dich habe ich gesucht Nein, nicht dich brauche ich. Im bunten Lebensalltag wollte ich die stählerne frische Weite, die verlockende, unvergessliche Romantik wiederfinden.

Ich verlasse dich. Du warst nicht da, ich habe dich nicht angetroffen.

Ich gehe zurück in den Irrgarten des Lebens. Im Strudel des Alltags, im Staub der Kohle, des Zements und des Kalks, im ohrenbetäubenden Dröhnen der Tage will ich meine liebe Kameradin suchen.

Ich werde sie finden, ich werde das machtvolle schwarze Feuer ihrer schönen Augen wiedersehen, ihr frischer Mut wird mir neue Kraft geben.

Ich gehe fort. Ich werde sie finden, auch wenn du lachst.

Lache nicht! Dein Lachen ist mir peinlich und zuwider. Schließe deine leeren schwarzen Augen, damit ich das Wohlstandsgefühl und die stumpfe Zufriedenheit in ihnen nicht sehe.

Lache nicht!

Ich gehe und suche.

Bis ich sie finde.

 

1930




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Гундула Чапега, Уладзімір Чапега

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