Uładzimir Karatkievič

Vom Blau und Gold des Tages

Im Frühjahr drängen die Flüsse in Palessie wieder in ihr Quellgebiet zurück, ausgenommen der Prypiac, er wälzt seine Schmelzwässer schwerfällig zum Dniapro, kilometerweit Felder und Wälder überschwemmend.

Aus den Fluten ragen nur kleine Dörfer auf Sandinseln, vereinzelte Schuten mit Heuschobern oder lärmenden Hochzeiten, zuweilen auch ein Jahrmarkt auf Kähnen - verbunden miteinander durch kleine Brücken -, ein schwimmender Jahrmarkt, der langsam auf ein fernes Dorf zusteuert.

Die Kühe riechen nach frischer Milch, die Pferde schielen ängstlich mit violetten, angespannt-verständigen Augen über Bord.

"Zum Teufel noch mal! Sollen wir etwa mit euch ertrinken!"

Ein solcher Jahrmarkt, auf dem nach Art der Bauern aus Palessie viel Schabernack getrieben und auch viel getrunken wurde, war volle zwei Tage später in seinem Zieldorf angekommen, weil der Jahrmarktsdirektor unterwegs, in dem kleinen Dorf Razbity Roch, angefangen hatte zu zechen. Ihm waren alle Steuermänner mit ans Ufer gefolgt.

Die Weiber hatten schon losgemacht und wollten eben allein weiterfahren, als die Männer wutschnaubend zurückkamen und den schwimmenden Jahrmarkt - hundertundfünf Kähne - an der Sandinsel, auf der das Dörfchen stand, wieder festmachten.

"Warum die's so eilig haben? Bis Ostern schaffen sie's doch nicht mehr nach Karpilavitschy, und uns gefällt's auch hier".

Die Weiber wollten protestieren, aber da brach so ein Tumult auf den Kähnen los, dass sie nur noch wütend ausspuckten.

"Mit euch Kerlen wird doch keiner fertig!"

"Wozu auch? Vielleicht um Ostereier zu suchen?"

Schließlich wurde den Männern doch klar, dass sie da etwas Dummes angestellt hatten, aber aus Stolz wollten sie es nicht zugeben. Deshalb legten sie sich finster und mürrisch in die Riemen und ruderten drauflos, obwohl allen klar war, dass sie nun zu spät kommen würden.

Alle waren verstimmt: Die Männer hatten einen Kater, die Frauen waren wütend. Nur ein Mädchen - sie mochte achtzehn Jahre zählen - saß am Heck eines der vorderen Kähne und lächelte so liebreizend, dass selbst ein Blinder zurückgelächelt hätte.

Slawische Augen, so blank wie der Maihimmel, Stupsnäschen und ein roter Mund mit weichen Grübchen. Das Schönste an ihr war ein armdicker goldenschimmernder Zopf.

Das Mädchen hatte sich das Tuch abgebunden und über die Knie gebreitet; die Sonne schien an diesem Tag sehr heiß. Über dem Wasser glitzerten Spritzer. Fröhlich blinzelte sie in die Sonne, nur zuweilen schloss sie matt die Augen. Eine weite Reise hatte für sie begonnen. Überschwemmte Wälder, Baumkronen im blauen Dunst und über dem Wasser das Krähen der Hahne.

Wozu streiten? Vor ihr lag das Leben. Nur eines fehlte: Ein großer, schöner Mann, der sie von hinten um die Schultern fassen und seine Wange an ihre Schläfen lehnen würde.

Früher hatte sie daran nicht zu denken gewagt. Als ihren Liebsten konnte sie sich nur einen fremden Burschen vorstellen, mit dem sie auf dem Ehrenplatz am Tisch sitzen und sich - warum eigentlich? - abküssen müsste. Und ringsum grüne Gläser und gerötete Gesichter.

Dieses Bild schob sie schnell von sich; wieder wärmten die Sonnenstrahlen und kitzelten in der Nase.

Der Frühling war nun doch gekommen, der erste und letzte dieser Art. Vielleicht aber doch nicht der letzte? Die Fahrt über das Hochwasser, das Heu, das neben den großen Kähnen daherschwamm, die Lieder am Abend halfen dem Frühling, sich durchzusetzen.

Niemand wusste - selbst die Mutter nicht -, dass in diesen Tagen ein Wunder geschehen war. Eine widerspenstige und ruppige Halbwüchsige hatte den Kahn bestiegen, und jetzt saß hier ein erwachsenes Mädchen, das tief im Herzen alles begriff.

Wie die Erde unter dem Schmelzwasser träumte und zäh und still war! Wenn aber dann die Sonne sie erwärmte, würde sie weich und warm werden, die Triebe in ihr würden erwachen, und sie würde nur darauf warten, dass jemand kam, der pfeifend die wächsernen Körner aus dem Saatkorb schleudern würde. Und das Lied der Nachtigall würde sein Kommen begrüßen.

Das alles hätte sie nicht aussprechen können. Sie lächelte nur, die Hände auf die Knie gelegt.

Ihre Mutter hätte sie nicht verstehen können, sie knurrte nur über ihren Mann mit dem gelben Bärtchen, zählte das Geld im Tuch und wechselte von Zeit zu Zeit mit den Frauen auf den Nachbarkähnen einige Worte. Wie alle stark beschäftigten Frauen erfasste sie als erste die Sachlage.

Als erste bemerkte sie den leichten, ausgehöhlten Kahn, der wendig aus dem Wäldchen, das hüfthoch im Wasser stand, herausglitt und der schwerfälligen Flottille mit Leichtigkeit hinterherschwamm.

Am Heck saß ein junger Bursche, eine graue Mütze aus Wolfsfell auf dem Kopf, und hantierte geschickt mit einem Ruder.

"Wer ist denn das? Natalka! Guck doch mal".

Das Mädchen wandte sich um, und mit dem immer noch liebreizenden Lächeln um den Mund sagte sie unzufrieden: "Das ist Jurka aus Vysielki". Und wandte sich wieder ab. Dieser Jurka gefiel ihr überhaupt nicht. Straff wie eine Feder war er, und freche Augen hatte er. Und immer unzüchtige Späße auf der Zunge. In jede Prügelei mischte er sich. Ohne Grund, einfach so. Sah er, dass sich zwei Parteien schlugen, wählte er die aus, wo einer fehlte, und - los ging's!

Das war aber noch nicht das Schlimmste. Seine Augen beunruhigten sie. Die Augen waren nicht gerade schön, nur eben anders als bei den übrigen Burschen.

In diesem Winter hatte er versucht, sie im Hausflur zu umarmen. Ihr war zum Lachen gewesen; seine Hände hatten gezittert, und sein Atem war so ungleichmäßig gegangen.

Sie hatte sich gesträubt wie ein störrisches Zicklein.

Die Leute in der Stube hatten nur gehört, wie die Eimer schepperten und das Tragholz hinfiel. Als sie dann in die Stube trat, fragte sie jemand: "Was ist denn da hingefallen?"

"Jurka hat die Eimer umgestoßen. Er war betrunken und ist herumgestolpert". Dann fügte sie noch hinzu: "Ich hab ihm zugeredet, er soll nach Hause gehen".

Ihr Gesicht war so undurchdringlich ruhig, dass ihr alle glaubten.

Jetzt aber war sie wütend, dass der Neue ihre schläfrige, gedankenlose und träge Ruhe störte.

Jurka hatte sich inzwischen im Boot aufgestellt und griff mit seiner sonnengebräunten Hand nach dem Bord der nächstgelegenen Barke.

Dumpf stieß sein Kahn an. Er wurde festgemacht. Dann beugte sich Jurka nieder und warf sich mit einem nachlässigen Ruck ein zweijähriges, borstiges schmutzigbraunes Wildschwein, dessen Schnauze wutverzerrt war, über die Schultern.

Lässig ließ er es über den Barkenrand gleiten.

"Na, greift zu, Leute. Gleich auseinandernehmen. Für die Männer zum Essen. Bis zur Stadt wird es doch nur schlecht".

Mit lärmender Begeisterung machten sich die Weiber über das Tier her. Jurka aber betrachtete sie mit verächtlich ruhigen Augen.

"Warum gackern die so?" sagte er schließlich. "Wenn's wenigstens ein Keiler wäre. Aber das ist ja erst vor kurzem von den Kaulquappen gekommen".

Kaulquappen nannte er die Wildschweine mit den großen Köpfen.

"Sag das nicht", meinte Natalkas Vater. "Das ist ein guter Keiler. Sieh nur, was der für Hauer hat!"

"Gut. Los, ihr Weiber! Und lasst mir auch was ab. Mein Brot ist alle. Ich sterbe vor Hunger".

Er beugte sich in seinem Kahn nieder. Auf einmal stürzten die Weiber kreischend zur Seite. Über dem Bord der Barke zeigte sich der runde Kopf eines Luchses mit abscheulich aufgesperrtem blutrotem Rachen und weißen Zähnen. Seine Ohren waren an den Kopf gepresst, die Augen zusammengekniffen. Gleich darauf waren auch seine Brust sowie seine starken Pranken zu sehen.

Der Luchs machte Anstalten, in die Barke zu kriechen. Doch gleich darauf kam Jurkas Kopf zum Vorschein. Er prustete los. In seinen grauen Augen funkelte der Schalk. Seine rötlichen Haare fielen ihm wellig über die Stirn.

"Da habt ihr doch einen Schreck gekriegt, was?" fragte er. "Na gut, Frauen, mach ich nicht mehr".

Er schleuderte den toten Luchs auf den Boden der Barke und stieg über Bord.

"Der aber gehört mir", sagte er und hob sich das Tier aus den Buckel. "Vielleicht habe ich mal 'ne Frau, der lege ich ihn auf die Füße, damit sie mit mir zusammen nicht friert".

"Mit dir zusammen friert gerade eine", entgegnete Natalkas Vater ironisch.

"Guten Tag, Leute", rief Jurka laut und fügte dann besonders deutlich hinzu: "Guten Tag, Natalka".

Sie antwortete nicht.

Völlig ungerührt von ihrer Gleichgültigkeit, kletterte er in den Kahn, in dem das Mädchen saß.

"Nehmt ihn auseinander", erklärte er den Weibern, "ich bleibe solange hier. Lasst aber die Katzen nicht an das Fleisch. Zum Teufel, jetzt hab ich doch das Messer vergessen".

Er stieg wieder in seinen Kahn. Mit einem unauffälligen Blick streifte Natalka seine hagere, geschmeidige, von Kraft erfüllte Gestalt und seine verwegenen grauen Augen.

Jurka hockte bei dem Burschen aus der Stadt, der schon das zweite Jahr mit seinem Notizblock kreuz und quer durch Palessie zog.

Fast liebenswürdig sagte der Bursche zu ihm: "Alle wissen, was du für einer bist. Ein typischer Belarusse. Schlimmer geht's gar nicht mehr".

Jurkas Lippen kräuselten sich zu einem ironischen Lächeln.

"Na und, ist das gut oder schlecht?"

"Meiner Meinung nach nicht schlecht... Ein begabtes Volk".

"U-uh", entgegnete Jurka langgezogen, ein außerordentlich begabtes Volk".

Er ließ den Burschen stehen, kletterte in Natalkas Kahn und warf einen feuchten silbrigen Fisch vor ihr auf die Bank.

"Hier, Natalka".

"Was soll ich damit?"

"Ein Leuchtfisch. Laß ihn vorläufig noch im Wasser liegen. Gegen Abend ist er trocken, und dann werden wir beide uns ein Wunder ansehen".

"Was denn, denkst du, ich sitze hier bis zum Abend so mit dir?"

"Schließlich bin ich nicht Großvater Biaskischkin. Mit mir ist es lustiger".

Dann machte er die ersten Anschnitte an dem Luchs. Beide schwiegen. Goldene Fünkchen entstanden im Wasser, hüpften auf den Wellen und verloschen, bald aber flackerten sie wieder auf.

"Wohin fahrt ihr denn?" fragte er leise.

"Nach Karpilavitschy", entgegnete sie unwillig. "Wir kommen aber zu spät".

"Na ja", sagte Jurka, "heute ist ja schon Ostern, und dort seid ihr frühestens morgen abends".

Nach einigem Schweigen fuhr er fort: "Und was willst du dort?"

"Gar nichts. Die alten Weiber wollten das so. Sie sind hier die Hälfte, Schade, sie sollten sich auf ihre alten Tage ein schönes Leben machen".

"Ja", sagte Jurka und schloss auf einmal nachdenklich die Augen.

Kurz darauf rief er Großvater Biaskischkin und Natalkas Vater zu sich heran.

"Nach Karpilavitschy schafft ihr's nicht mehr, Männer. Da kommt ihr zu spät".

"Was denn", antwortete Biaskischkin verärgert, "willst du mir etwa auch noch die Sauferei vorhalten?"

"Tja, zu spät", sagte Jurka. "Aber das meine ich nicht. Warum könnt ihr nicht anstelle von Karpilavitschy nach Pahost fahren?"

"Das Dorf ist doch weg", entgegnete der Alte. "Da steht doch nur noch die Kirche auf der Insel".

"Gerade das Richtige für die alten Weiber", meinte Jurka. "Morgen früh seid ihr da".

"Darum geht's ja nicht", sagte Natalkas Vater, "da kommen wir nicht durch. Dort ist eine Sandbank".

Sie sprachen über den Inselstreifen, der sich zwischen dem Flussarm, auf dem sie fuhren, und Pahost hinzog.

"Du mit deiner Sandbank, Väterchen", erwiderte Jurka. "Da fließt Wasser drüber. Einen halben Klafter tief. Hab's heute selber gemessen".

"Aber Barken kommen da nicht durch!"

"Die lassen wir auf der Sandbank. Nach Pahost kommen wir auch mit den Kähnen. Sind doch alles Männer ... Da werden sich die alten Leute aber freuen!"

Die Erwähnung der alten Leute entschied alles. Natalkas Vater gab Kommando und stürzte selber ans Steuer, wendete die vordere Barke und drehte mit der schwerfälligen Flottille nach links ab.

Die Ruder schlugen aufs Wasser, und bald trug die Strömung den schwimmenden Jahrmarkt noch schneller fort als bisher.

Jurka ließ sich zu Füßen des Mädchens nieder. Seine Hände hantierten geschickt mit dem Messer.

"Na, da wirst du heute in Pahost die Langmähnigen sehen. Da sagst du gar nichts mehr. Schön ist das".

Ab und zu berührten seine Schultern ihre Beine. Sie sah seinen braungebrannten Hals und die Bräune auf seinem Gesicht.

Diese Berührungen, mal stark, mal leicht, regten sie eigentlich nicht auf. Er tat's ja beim Arbeiten, ohne Absicht.

"Vielleicht geben wir uns noch einen Osterkuss", sagte Jurka und hob die Augen.

"Kannst ja deinem Luchs einen geben", entgegnete sie ruhig. "Der hat mir heute schon genug... Osterküsse gegeben".

Jurka krempelte den Ärmel hoch.

Auf seinem Oberarm erblickte sie drei längliche Wunden. Besorgt fragte sie: "Warum hast du das niemandem gesagt, du Dummer?"

"Nicht so schlimm, hab Pulver draufgestreut".

"Ach du!" Hastig holte sie unter der Bank ihr Beutelchen hervor und zog einen weißen Lappen heraus.

"Gib her".

Jurka legte ihr seinen dünnen, doch starken Arm auf die Knie. Sie tat, als wäre das nichts Besonderes, spürte aber die Wärme, die von seinem Arm durch den Stoff drang.

Die nicht sehr tiefen, aber langen Kratzwunden weckten in ihr ein fast mütterliches Mitgefühl mit diesem verwegenen Burschen.

"So", sagte sie, ohne das Gewicht seines Armes zu beachten, "in Ordnung".

"Bist mein Sternchen", sagte Jurka.

"Sternchen schon, aber nicht deins", entgegnete sie, weil sie wieder die alte Mattigkeit, das ungewisse Warten und die Schläfrigkeit spürte.

"Kränkst mich nur immer", sagte er leise, "aber ich bin wie der Hirsch im Herbst. Selbst wenn sein Bauch weh tut, ruft er immer wieder".

"Dein Bauch tut dir sicherlich vor Hunger weh. Hast wahrscheinlich nur Brot gegessen ... du Jäger!"

Von den Feuern, die auf Ziegelsteinen angezündet waren, strömte schon der Duft von bratendem Fleisch herüber.

"Richtig", pflichtete ihr Jurka leicht gekränkt bei, "ich muss mich stärken gehen".

Er stand auf und trat zum Feuer. Von dort kam er mit Natalkas Vater zurück.

Sie brachten beide etwas zu essen. Jurka hielt zwei Scheiben Brot in der Hand, zwischen die ein Stück gebratenes Eberfleisch geklemmt war.

Das rosige Fleisch löste sich, und das Fett durchdrang das frische, großporige Brot.

"Hier, iss", forderte er Natalka auf.

Der alte Danila ließ sich neben Jurka zu Füßen seiner Tochter nieder und zog eine Flasche hervor.

"Nimm einen Schluck, Junge".

"Wandwein", sagte Jurka, nachdem er einen Schluck getrunken hatte, "wenn man den trinkt, geht man die Wände hoch".

Dann machte er sich an das Fleisch. Natalka aß nur wenig; sie musste nur immer den Burschen ansehen.

Jurka aß ohne Gier, obwohl er sehr hungrig war. In seinen Augen funkelte genüssliche Zufriedenheit, und seine Hände schoben geschickt das Brot unter das Fleisch.

Auf einmal ertappte sie sich bei einem unerwarteten und wärmenden Gedanken: Mit dem wäre es sogar schön, aus einer Schüssel zu essen!

Doch gleich darauf schämte sie sich.

Sie waren fertig mit dem Essen. Danila ging. Jurka zog dem Luchs noch das Fell ab, rollte es zusammen und trug es in seinen Kahn.

Warum er nur gegangen ist? überlegte sie. Er hätte doch ruhig auf seinem Platz sitzen bleiben können. Vielleicht kommt er gleich zurück?

Dann schob sie die Gedanken von sich. Was ist mit mir? Da mache ich mir Sorgen, ob er wohl wiederkommt.

Er kam wieder und setzte sich zu ihren Füßen. Ein sanfter Wind kräuselte das Wasser, spielte mit seinen Haaren und den Fransen ihres Tuches.

Zuweilen legte der Wind sich, kehrte dann aber mit schwachen Seufzern zurück. Und wie im Takt zu diesen Seufzern glühten in ihren Augen Myriaden von Funken auf.

Jurka lehnte sich an ihre Knie, und sie spürte, wie sein Herz schlug. Und wieder hinderte sie etwas, ihn zurückzustoßen. Sie rückte ein wenig zur Seite.

"Bleib sitzen", bat er, und ihr gefiel es, dass er gleichsam um ihre Gnade bat. So ein kräftiger und mutiger Bursche, aber vor ihr war er schwach.

Der unruhige und zärtliche Schlag seines Herzens erfüllte allmählich ihre Knie und Hände. Er aber spürte die weichen Fransen ihres geblümten Tuches an seinem Hals. Sie zog das Tuch höher, doch tat es ihr leid, dass die Fransen so umsonst herumbaumelten, und sie zog das Tuch wieder herunter. Er grinste, als er das zärtliche Kitzeln wieder spürte.

Die Kähne schwammen im Blau und Gold dahin. Nur zuweilen wurde das Himmelsblau von der undurchsichtigen Wand eines überschwemmten Waldes verdeckt. Die Augenlider senkten sich, und angenehme Wonne erfüllte den Körper. Blau und Gold, Gold und Blau. Immerfort - ohne Ende.

Von Zeit zu Zeit summte Jurka vor sich hin, unbekannte, verträumt-unruhige Lieder.

Der Tag schien endlos, endlos auch der Weg.

Als der träge Nachmittag langsam versank, wurde es noch schöner.

Die Schuppen des Leuchtfisches waren getrocknet.

Auf einmal erstrahlten seine Augen in violettem Licht. Das geschah so unerwartet, dass sich das Mädchen nach vorn beugte und ihre Brüste den Kopf des Burschen berührten, und so verharrte sie auch. Der Widerschein des schwachen Leuchtens lag auf ihren Gesichtern.

Sie seufzte und dachte daran, dass er dieses Wunder ihr, nur ihr, gebracht hatte.

Er flüsterte: "Aus Sehnsucht nach dir werde ich noch mal so vertrocknen wie dieser Fisch. Wärest du mit mir zusammen, würde ich vom Brot nur die verbrannte Rinde nehmen und den Rest dir geben".

"Nicht nötig, Jurka", entgegnete sie, ebenfalls flüsternd.

Die Nacht breitete sich über den Kahn, und am Bug der Hauptbarke wurde eine Leuchtfackel angezündet. Ihr rötliches Licht riss die zitternden Zweige der Bäume und die quirlenden Schaumkronen aus der Dunkelheit. Ringsum war nur Wasser. Das Mädchen warf sich das Tuch um. Beide schwiegen.

Jurka verließ den Kahn erst, als die Karawane festgemacht werden musste. Die Landzunge erstand vor ihnen als dunkle Mauer von Bäumen.

Trauer erfüllte das Mädchen. Könnte sie doch ewig so mit ihm sitzen und seine Nähe spüren!

Seine Stimme aber hallte bereits über alle Barken hinweg.

"Piatrus, was sitzt du da? Mach den Bug fest! Den Bug, sage ich dir! Bist mir ein schöner Arbeiter! Kannst wohl bloß Fliegen fangen? Na, nehmt schon! Und warum gehst du mit den Barken so weit nach links? Na komm, noch mal!"

Dann lag die Karawane schließlich fest auf der Sandbank.

Die Leute banden die Kähne los. Als Natalka versuchte, sich zum Kahn ihres Vaters durchzuarbeiten, legte sich Jurkas Hand auf die ihre. Sie drückte sie leicht, zog ihre Hand aber wieder zurück.

"Nein, nicht. Setz dich in meinen Kahn. Bei euch wird's doch zu eng".

Eigentlich wollte sie es nicht, aber ihre Beine traten von selber über Bord. In seinen Kahn.

Jurka trödelte beim Abbinden des Kahnes. Als letzter stieg Großvater Biaskischkin in einen Kahn.

Erst als sich die letzten Kähne etwa vierzig Klafter entfernt hatten, hörte sie das Wasser am Heck ihres Kahnes rauschen.

Schnell umfing die beiden die Nacht, streichelte mit ihrer kühlen Hand ihre Gesichter und ließ Sternschnuppen aufblinken.

Laut schallten Gesprächsfetzen von den Kähnen über das Wasser. Die beiden aber schwiegen. Ihre Knie stießen zusammen. Sie spürte, wie sich bei jedem Ruderschlag die Muskeln seiner Beine gleichmäßig zusammenzogen.

"Dreh dich nicht um", bat er flüsternd, "halt ein bisschen aus. Ich sag dir schon ... Wir fahren um das Wäldchen herum".

"Ich will mich ja nicht umdrehen".

Er war sehr still. Für einen Augenblick hielt er im Rudern inne und legte ihr die Hand auf die Schulter. Gerade in dem Augenblick schwang sich der erste Glockenschlag über das öligschwarze und schwerfällig sich dahinwälzende Wasser, über die Bäume, über ihren Kahn, der tief im Wasser lag. Sie fing an zu zittern; er spürte ihr Zittern.

"Sieh mal", sagte er.

Sie legte sich zur Seite, aufs Heu, und erblickte eine kleine Insel, die sich aus dem Wasser erhob. Seitlich davon schimmerten auf einer zweiten Insel kahle weiße Birkenstämme. Der Friedhof.

Auf der kleinen Insel, von Lichtern erleuchtet, streckte sich ein weißes Kirchlein wie ein Zelt zum Himmel empor. Von dorther waren die Glockenschläge und der Gesang gekommen.

Vereinzelt blieben die Kähne an der Insel kleben.

Die Leuchtfackeln knisterten. Pech brannte auf kleinen Platten. Ein goldener Widerschein legte sich auf das schwarze Wasser.

Jurka erhob sich und stellte sich ans Heck, gestützt auf sein Ruder. Auch Natalka hatte keine Lust mehr, auf die schweigende Ansammlung von Kähnen und die Lichter auf dem Wasser zu schauen.

Nur ihn wollte sie ansehen.

Hager, mit schmalen Hüften, stand er neben ihr, kupferrot wie ein Indianer. Auf seinem Gesicht wechselten Schatten und Licht. Ein gutes und hartes Gesicht.

Sie fürchtete, bald könne alles vorbei sein und sie würden zum schwimmenden Jahrmarkt zurückkehren. "Lass uns nicht auf das Ende warten. Fahren wir lieber nach Hause".

Gehorsam wendete er den Kahn und ruderte in das Dunkel hinein.

Erleuchtet vom Schein der Fackeln, umgeben vom vielfarbigen Reigen der Kähne, erlosch und versank hinter ihnen die Erscheinung im Wasser. Die Bäume verdeckten sie, das Wasser und die Dunkelheit verschluckten sie, und gleich wurde klar, dass es eine fremde Erscheinung gewesen war, dass es auf viele Kilometer hin nichts weiter gab als die Wasserwüste, das bizarre Nebeneinander der Strömungen, den Schaum der Wasserstrudel, die im Wasser versunkenen Wälder und die Stille.

Über das Wasser, über das ins Wasser getauchte Land glitt allein ihr Kahn dahin, ihre Arche. Irgendwo in der Dunkelheit waren noch die anderen Kähne, für die beiden aber existierte jetzt nichts mehr auf der Welt.

Natalka dachte daran, dass sie zu den Träumen des Tages zurückkehren müsste, dass sie Abschied nehmen müsste von diesem Menschen, der den ganzen Tag mit seiner Schulter ihre Knie berührt hatte.

Sie war froh, und zugleich erschauderte sie, als er das Ruder in den Kahn legte und das Wasser sie gleichsam schwerelos an der vor Anker liegenden Karawane vorbeitrug. Schwach wandte sie noch ein: "Wozu das?"

"Willst du etwa dahin? Bitte, ich bringe dich".

Sie antwortete nicht. Er wartete, setzte sich dann zu ihr, umfasste ihre kräftigen und weichen Schultern.

Er legte sich neben sie ins Heu, das nach Julisonne duftete. Kräftig und zärtlich drückte er sie an sich.

Ihre Haut war noch voll von der Wärme des Tages, und der Bursche, der ihr mit den Fingern durch das Haar fuhr, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Am Hals fühlte sie den warmen Luchspelz; sie spürte den warmen Mund des Burschen und seinen angespannten warmen Körper.

Sie zitterte, als wäre ihr kalt, so dass er sich aufrichtete, unter seinen Füßen eine kratzige warme Decke hervorzog und das Mädchen behutsam zudeckte, wobei er die Enden der Decke unter ihren biegsamen Rücken schob.

Doch nur dafür reichte sein Mitleid, denn er sah im Dunkel ihr Gesicht. Und er wusste, einen anderen Weg gibt es weder für ihn noch für sie. Alles führte dahin: das Blau und das Gold des Tages, die Spritzer auf dem Wasser und das violette Leuchten des Fisches im Halbdunkel.

Und diese Schultern, die dort unter seiner Hand zitterten.

"Jurka, Liebster, lass das doch", sagte sie und presste sich noch dichter an ihn. Er verstand alles, und sie tat ihm leid, doch Mitleid konnte er mit ihr nicht haben.

Weil das alles Lüge war.

Ihre Arche jagte dahin, sie schaukelte aus den Wellen, und von oben schauten die Sterne, die das alles schon tausendmal gesehen hatten und trotzdem nicht müde wurden, die Erde um ihre Wärme zu beneiden.

Für einen Augenblick schien es ihm, er habe sich geirrt, es gäbe keine Lüge, und er wandte sich ab. Sie aber spürte seinen Atem, und sie hatte auf der Welt am meisten Mitleid mit ihm. Schüchtern nahm sie seinen Arm und küsste den Verband auf seinem Oberarm. Und nichts weiter war da als der flackernde Widerschein der Sterne in ihren Augen.

Sie bemerkten nicht, dass ihr Boot steckengeblieben war. Die Strömung hatte sie schützend am Abhang eines Hügels, der aus dem Wasser ragte, abgesetzt.

All das war ohne Bedeutung für sie. Es galten nur der Tag, die Nacht, die Küsse.

Fest an sie gepresst, schlief er ein.

"Das ist alles?", fragte sie sich. Und sich selbst Antwort gebend: "Ja, alles. Was willst du noch mehr? Er ist bei dir, und du bist bei ihm".

Und leise, um ihn nicht zu wecken, berührte sie mit ihrem Mund seinen Arm.

Sie schliefen noch sehr tief, als das steigende Wasser ihre Arche anhob und die Strömung hinuntertrug.

Der Mann schlief fest. Die Frau erwachte für einen Augenblick und schmiegte sich enger an den Schlafenden. Auf dem Wipfel eines Baumes krächzten Raben.

"Mit so einem kann es mir nicht schlecht ergehen!", flüsterte sie.

Und als letztes schläfriges Aufbegehren ihrer Gedanken dachte sie: Dumme Raben! Das ist doch nicht das Ende. Das ist der Anfang.

Sie schliefen, und das Boot wurde immer weiter auf dem überschwemmten Land dahingetragen.

 

1960




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Hans-Joachim Grimm

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