Volha Ipatava

Zwanzig Minuten mit Nemesis

Es war ein Tag wie jeder andere. Ich hatte in Ruhe die Wohnung aufgeräumt, vorsichtig auf den Bücherregalen Staub gewischt, dann war ich zur Schneiderin gefahren. Eigentlich hätte ich bei der Bibliothek vorbeigehen und mir nach langer Zeit wieder einmal die Neuerscheinungen ansehen sollen, doch Wera hatte den Termin festgesetzt, und danach musste ich mich richten: Gute Schneiderinnen sind weitaus rarer als wir Ehe- und Hausfrauen. Ich war noch nicht dazu gekommen, den Mantel abzulegen, als Tacciana anrief; sie teilte mir, geheimnisvoll flüsternd, den Namen ihres neuen Freundes mit und bat mich um Rat wegen einer Schönheitsmaske. Während ich mich mit Tacciana unterhielt, wurde es dunkel, jetzt brauchte ich nur noch das Abendessen vorzubereiten, das Kleid mit einem Neglige zu vertauschen, es mir neben der Musiktruhe oder auf der Couch bequem zu machen und auf Siarhiej zu warten.

Ich las einen unlängst erschienenen Roman von Hesse, nebenher aber kreisten die Gedanken trage um meine Tochter, die während der Ferien bei meiner Mutter in Moskau war, und um meinen Mann, den ich heute schon drei-, viermal im Fernsehstudio angerufen und wegen irgendwelcher Lappalien ein wenig hatte. Leise tickten Wecker und Tischuhr, und der Hausgeist schlief wahrscheinlich süß und sanft in seinem Nest hinter dem Schrank, als plötzlich ein Klingeln alarmierend und unheilverkündend die Stille zerriss, Man rief mich aus dem Krankenhaus an. Eine Mädchenstimme sagte kurz angebunden: "Ihr Mann hat gebeten, Sie zu benachrichtigen. Er liegt im Operationssaal. Beunruhigen Sie sich nicht!"

Ich kam kaum dazu, sie nach der Nummer des Krankenhauses zu fragen, und schon hatte sie den Hörer aufgeknallt. Gleich danach bekam ich auch noch einen Anraunzer - der Dispatcher der Taxivermittlung verstand den Namen unserer Straße nicht.

Erst als ich mich in fieberhafter Eile angezogen, die Wohnungstür zugeschlossen hatte und in den Hof rannte, wunderte ich mich, dass der Telefonanruf mich getroffen hatte wie ein Wasserfall, der plötzlich zentnerschwer auf einen unerfahrenen Schwimmer herabstürzt. Als ich auf die Holzbank niedersank, wo gewöhnlich die alten Frauen aus unserem Aufgang sitzen und die Nachbarn durchhecheln, spürte ich, wie mir die Kräfte schwanden. Ich scharrte von den Seitenlehnen eine Handvoll Schnee zusammen und führte ihn zum Mund, in der Brust aber brannte es, als geränne dort das Blut, und Übelkeit stieg in der Kehle auf. Was ist los mit mir? Habe ich tatsächlich solche Angst um Siarhiej? Oder vielleicht um mich?

Bei Siarhiej bin ich geborgen wie hinter einer Mauer. Das behauptet er immer, und alle unsere Bekannten sind der gleichen Meinung. Schließlich glaube ich es selbst. Von welcher Seite man es auch betrachtet - ich habe eine glückliche Wahl getroffen. Ausgesprochen glücklich. Einfach ein Wunder.

Wo bleibt denn das Taxi so lange? Ich sah auf die Uhr - drei Minuten waren erst vergangen. Nicht möglich! Ich sprang auf und setzte mich wieder hin. Auf die Straße rennen und versuchen, ein Auto anzuhalten, war Unsinn - nicht eins würde stoppen, folglich hieß es warten. Warten, bis die Situation begreiflich wurde und dadurch etwas von ihrem Schrecken verlor. Im Operationssaal... Und wenn... Nein, das darf mir nicht widerfahren. Ich darf nicht noch einmal Witwe werden. Nach allen Regeln der Gemeinheit kann so etwas nicht geschehen. Eine und dieselbe Stelle wird nicht zweimal von einer Granate getroffen.

Nein, nein, nicht daran denken! Und keinen Schrei in den Raum schicken - plötzlich materialisiert er sich dort in der Ferne und kehrt wie ein Bumerang als wirkliches Geschehnis zurück? Unsinn, sagte ich mir, es ist dumm, so zu denken, einfach dumm, aber wir alle wenden uns doch in solch einem schrecklichen Augenblick an einen, der stärker ist als wir, den man anflehen kann, beschwören.

Nein, nein, ich möchte nicht allein zurückbleiben, ich habe schon zuviel einsame Frauen gesehen, ich weiß, wie das ist: Gefällige Freundinnen bringen einen schon etwas kahlköpfigen Jessenin-Verehrer ins Haus, der mäklig seinen Tee trinkt, die Figur der Hausfrau begutachtet und in Gedanken die Quadratmeter ihres und seines Wohnraums überschlägt. Wenn die Freundinnen dich und den von ihnen Auserwählten dann einladen, im Familienkreis Neujahr oder ein anderes Fest zu feiern, verfolgen sie gespannt jede deiner und seiner Bewegungen. So was möchte ich nicht erleben. Und keine mitleidigen Blicke. Und keine Selbständigkeit. Es ist doch interessant: Da versuchen die Frauen mit aller Macht, selbständig zu werden, und dann weinen sich die Kämpferinnen an deiner Schulter aus oder hängen stundenlang am Telefon und bitten dich, sie mit ihrem Othello zu versöhnen, den sie sich für den anderen, der ihnen über war, angeschafft haben. Die Jahre vergehen, die Othellos lösen einander ab, und schließlich erscheint eine Heirat als lohnendes, aber schwer erreichbares Ziel. In der ganzen Zeit meines Familienlebens habe ich versucht, mich hinter Siarhiej zu verstecken und mich auf diese Weise gegen alles Unglück - eigenes und fremdes - abzuschirmen. Braucht ihr Ratschläge - bitte sehr! Rezepte für Küche und Kosmetik - gerne! Aber tretet mir nicht zu nahe und schüttet mir nicht euer Herz aus. Anfangs freilich habe ich alle möglichen Dummheiten begangen: Ich stiftete Frieden, fuhr umher, diente der Menschheit. Eine empfindsame und verletzliche junge Dame vom Filmstudio hatte ich sogar mal bei uns zu Hause aufgenommen. Vorübergehend. Ich kochte extra Süppchen für sie, zog ihr Morgenröcke und Nachthemden von mir an. So lange, bis Svietatschka anfing, auch noch bei meinem Mann Trost zu suchen. Nein, einen Skandal gab es nicht. Schließlich wollte ich den Klatschbasen auf der Bank vor dem Haus nicht noch ein paar genüssliche Minuten mehr bescheren! Ich packte akkurat ihre Fähnchen zusammen - Siarhiej war Gott sei Dank nicht zu Hause! - und stellte ihren Koffer dezent vor die Tür. Svietatschka sah auf meine Fingernägel, ich hatte sie gerade für die Maniküre wachsen lassen, und schwieg. Ihre Wimpern zuckten, die dünnen Finger zitterten, und das Gesicht war blass, wodurch ihre Schönheit noch beseelter wirkte. Einen Augenblick schwankte ich: Und wenn es Liebe ist? Bin ich vielleicht schon so vertrocknet, dass ich die Regungen eines zärtlichen Frauenherzens nicht verstehe? Doch dann erinnerte ich mich an Ewka und versteinerte wieder, wurde wieder zur Matrone: Ewka, erhältst du den Vater. Seitdem bringe ich keine Freundinnen mehr ins Haus. Eigentlich habe ich für Frauen nichts übrig, so seltsam das klingen mag. Schon seit der Zeit, als ich, durch die Bemühungen meiner Mutter am Institut für Filmkunst gelandet, mit Sirenen zusammentraf, die es an Grausamkeit mit jeder Tigerin aufnehmen konnten. Im Grunde wusste ich auch ohne sie, dass ich nicht an dem Platz war, wo ich der Gesellschaft am meisten nützen konnte. Aber auch unter ihnen gab es genug Unbegabte, und eine schlechte Schauspielerin ist meines Erachtens schlimmer als ein schlechter Filmkritiker. So schleppte ich mich denn von Studienjahr zu Studienjahr, meine Kommilitonen aber zuckten die Schultern und lachten, wenn ich Einstein und Eisenstein verwechselte. Allerdings ließ das Gekicher in den letzten Studienjahren nach: Erstens lernte ich wie besessen und zweitens war ein Helfer bei mir aufgetaucht.

Wieder pocht das Herz. Wie sehr ich mich auch bemühe zu vergessen - es ist vergebens!

Wann endlich kommt das Taxi? Immer dieses Theater bei uns: Du bittest, so schnell wie möglich ein Taxi zu schicken, und dann kommt es nach zwei Stunden! Mama hätte längst den ganzen Taxipark auf die Beine gebracht. Sie hätte schon den Direktor angerufen, und wenn er nicht im Dienst gewesen wäre, dann eben zu Hause. Für mich freilich würde sie keinen Finger rühren. Nicht, weil sie mich etwa nicht liebte, sondern aus Prinzip: Verlass dich auf dich selbst, lerne, für dich und deine Familie einzutreten. Beim Institut für Filmkunst hatte sie sich allerdings nicht zurückhalten können, sie hatte an entsprechender Stelle Druck gemacht. Frauen bleiben eben Frauen, und Mama arbeitet im "Kosmetiksalon" - alle Regungen ihrer Seele werden von den anderen sofort verstanden und gern berücksichtigt. Mama wollte, dass ich glücklich bin. Und das Diplom ist eine wichtige Zutat zum Gluck, jetzt bin ich mehr und mehr davon überzeugt. Doch es gab Zeiten, da wollte ich weder dieses Diplom noch das Glück, von dem Mama so träumte. Übrigens hat sie nie alles erfahren über jenes Jahr, als ihre geliebte, zärtliche Stella hungrig und schäbig angezogen herumlief, weil ich das ganze Geld und die Sachen, die sie und Vater mir aus dem Ausland schickten, und alles, was auf meinem Sparbuch war, in diesem einen Jahr, meinem einzigen Jahr, durchgebracht hatte.

Jurka Amieltschanka mit dem lockigen Haar und den weißen Zähnen, du Zigeuner, wie wir dich in der Studiengruppe nannten! Das einzige Foto, das mir von dir geblieben ist, gleicht so gar nicht dem Bild, das in mir lebt, weshalb ich es auch nie aus dem vergilbten Zeitungspapier auf dem Boden unseres alten Lederkoffers hervorhole, mit dem wir in jenem Jahr ganz Mittelasien, das Baltikum und die Solowki-Inseln bereist haben. Ich will nicht mehr an dich denken, Jurka, aus vielen Gründen, und auch deshalb nicht, weil dann immer wieder jene Tage und Monate in meiner Erinnerung auftauchen und ich in Fieberphantasien verfalle, mir selber nicht mehr glaube und mich frage: Ist das alles nicht ein Produkt deiner Einbildung? Gab es Jurka überhaupt? Hat es diese Wärme gegeben, die zwei Menschen umfing und als heiße, leuchtende und wohltätige Sonne im Gedächtnis geblieben ist, als ein Ruf ins Unbekannte, Unerreichbare.

Ich will nicht an dich zurückdenken, denn wäre jenes Jahr nicht gewesen, so lebte ich jetzt vielleicht unbeschwerter. Ich wüsste einfach nicht, dass es so etwas geben kann zwischen Mann und Frau, ich dächte, dass sie, Frau und Mann, vor allem Verbündete gegen das Leben sein müssen, damit es einen nicht zertreten kann. Ich würde wie Mama glauben, dass Kinder die einzige Rettung vor dem Alltag und vor der Eintönigkeit sind. Ich wäre sicherlich eine würdige Tochter meiner Mutter geworden, die übrigens bis zum heutigen Tag überzeugt ist, dass ich glücklich bin, und sich vor allen Leuten mit mir brüstet. Warum sollte sie auch nicht? Wir hatten in den ganzen zehn Ehejahren keinen Streit, jedenfalls keinen ernsthaften; kleine Streitereien kommen überall vor, die zahlen nicht, Mein Mann sieht bestimmt besser aus als jeder andere im Studio, immer korrekt, tadellos gebügeltes Hemd; gehegt und gepflegt - nicht umsonst sitze ich zu Hause. Meine filmwissenschaftlichen Artikel sind, wie ich mir längst selbst eingestanden habe, ein Gemisch aus oberflächlichem Geschwätz und Fachterminologie, doch Mama sieht das nicht, sie sammelt meine Artikel und vertieft sich in sie wie in die "Offenbarung des Johannes". Der erste, der mir die Wahrheit über meine Arbeit sagte, war Jurka, und er sagte es so, wie nur er allein es verstand - nicht beleidigend, sondern als überreiche er mir ein Geschenk: "Hör zu, mein Goldfisch, lass das Institut sausen! Du hast so viele Mädchenköpfe unglücklich gemacht, die unter deinen Händen wie Blumen hätten erblühen können - du bist die geborene Fee für hübsche Frisuren! Dein Talent wurde nicht in die richtigen Bahnen gelenkt!"

Er redete gewollt feierlich, wie manchmal in Büchern gesprochen wird, lächelte und sah mir in die Augen. Wir saßen damals in Vilnia im "Neringa" und hatten nur noch Geld für zwei Portionen Salat und zwei Kaffee, Jurka aber wischte lachend eine kleine Falte weg, die nicht von meiner Stirn weichen wollte. Es war ein regnerischer, ungemütlicher Vorfrühlingsabend, die kahlen Kastanienzweige bogen sich im Wind, an der Wand über Jurka tanzten und huschten Schatten, und ich dachte, dass ich mich am nächsten Tag unbedingt wieder in den Vorlesungen blicken lassen musste, weil mein "Krankenschein" abgelaufen war und man mich aus dem Institut jagen konnte, wie vor kurzem Jurka. Aber während Jurkas Chef, ein weltbekannter Regisseur, wiederholt über ihn gesagt hatte, man müsse "solche Talente wie Amieltschanka erziehen", und seine Worte jedes Mal den gerechten Zorn des Rektorats von Jurka abwandten, konnte ich nicht auf eine Wiederaufnahme hoffen, und ich saß da wie versteinert.

"Nun lächle doch mal, mein Täubchen, meine Sulamith", flüsterte er, "denk nicht an das schnöde Geld, heute abend auf dem Telegrafenamt werden sie uns bestimmt mit klingender Münze überschütten. Gestern habe ich Lestschanka angerufen, er lässt uns nicht im Stich. Ich habe ihm mal aus der Patsche geholfen in Primorsk, als ihn eine Serviererin wegen ein paar Zehnrubelscheinen beinahe zu ihrem Mann gemacht hätte".

Damals saßen wir zum erstenmal ohne eine Kopeke da, ich war entsetzt über Jurkas Leichtsinn und bereute, mich in diese abenteuerliche Reise eingelassen zu haben (Mama hatte mir beigebracht, sorgsam mit Geld umzugehen, jeden Rubel zweimal umzudrehen), deshalb redete ich kaum mit Jurka, obwohl ich schon damals wusste: Wenn es ihm einfällt, in die Hölle zu gehen, folge ich ihm, und sitzen wir dann im Kessel, werde ich glücklich sein, wenn sein Lockenkopf aus dem brodelnden Pech herausschaut! Obwohl Jurka bestimmt einen Aufseher zum Hasardspiel oder zum Trinken verleiten und schließlich mit ihm Karten klopfen würde, während ich "durch Protektion" in aller Stille den Dreck aus den Ecken fegen oder das Abendbrot für sie zubereiten dürfte. Ich stieß seine Hand weg.

"Du möchtest also, dass ich vom Institut abgehe? Mama wird dich verwünschen und mich doch zurückbefördern. Ich habe noch anderthalb Jahre, du brauchst nicht mehr lange zu warten".

In allen "nichtschöpferischen" Fächern hatte ich schon Einsen, aber die schöpferische Arbeit war trotzdem das Wichtigste, und obwohl man mich in den Seminaren immer öfter lobte, ahnte man im Studienjahr natürlich, dass es hier nicht ohne ihrer aller Liebling abgegangen war, die künftige Leuchte des Films, der in diesem Moment, als wenn nichts geschehen wäre, über mich geneigt wie die Glucke über ihr Küken, seine knochige Hand mit den schwarzen Fingernägeln glättend über meine Stirn führte und darauf bedacht war, dass der speckige blaue Ärmel seiner Jeansjacke mir nicht ins Auge kam. Am Zeigefinger trug er einen komischen Bernsteinring, dessen falsches Gold an vielen Stellen abgerieben und der ihm zu eng war und mir das Gesicht zerkratzte, aber ich sagte nichts. Seine Hand roch stark nach Tabak und ein wenig nach Bürokleister (wir kamen gerade vom Postamt), und ich hätte Jurkas magere Finger am liebsten gestreichelt und geküsst, doch ich schämte mich vor den Leuten (ein Offizier am Nebentisch ließ kein Auge von uns); außerdem wollte ich Jurka nicht zeigen, wieviel er mir bedeutete. (Warum hatte ich nur diese Angst? Wovor schämte ich mich? So hat er nicht die Wärme empfangen, die an jenem Abend für ihn bestimmt war, und so bewahre ich alle damals nicht ausgesprochenen Worte noch in mir). Er dagegen fürchtete überhaupt nicht, sich lächerlich zu machen, er tat stets das, was er wollte, und verstand nicht, alles im Voraus zu berechnen, um später nicht hereinzufallen. Er erlegte sich keinen Zwang auf - selbst in kleinsten Kleinigkeiten nicht. Hat ihm nicht vielleicht deshalb das Leben so wenig Zeit gelassen, weil niemand solche königlichen Gaben - zu leben, wie man will - umsonst bekommt. Und Jurka hatte noch ein Talent, das so selten und spärlich verteilt und daher scheinbar nirgends mehr anzutreffen ist: das große, gefährliche Talent, auf die Herzen der Menschen einzuwirken. Wir haben uns daran gewöhnt, nach dem uns vorgegebenen Maß zu leben, und finden uns mit dem ab, was wir erhalten! Wo ich Jurka auch gehört habe - im Arbeiterwohnheim, auf Studentenbällen oder Partys -, ich spürte immer wieder, wie mich eine Woge empor trug, wie mir plötzlich der Atem stockte und sich die Tiefen des menschlichen Geistes, der Inspiration vor mir auftaten. Und den andern erging es ebenso. Jurka liebte Shakespeare und Puschkin, Dante und Goethe, manchmal wunderte ich mich, woher bei ihm, dem ehemaligen Kulturfunktionär vom Lande, diese, ich möchte nicht sagen "Begeisterung", kam, weil es nicht Begeisterung, nicht einmal Liebe war - wieder banale, kraftlose Worte! -, sondern ein Verschmelzen, quälend und glücklich zugleich. So verschmilzt ein genialer Musiker mit seinem Instrument, etwa der Orgel, indem er sich in diese Orgel verwandelt, sie zum Leben erweckt und ertönen lässt. Jurka war wie eine Orgel, würde ich sagen, wenn ich nicht fürchtete, zu schwülstig zu werden, eine Orgel, durch die die Natur sich selbst, ihr Streben nach Harmonie ausdrückt. Ich kenne mich nicht allzu gut in der Kunst aus, wie viele, die scheinbar mit ihr verbunden sind, und deshalb denke ich, dass Talent so etwas ist wie ein Instrument, durch das die Natur uns ihre Geheimnisse und Offenbarungen vermittelt. War es nicht die Natur, die der sechzehnjährigen Nadzia Ruscheva die Hand führte, als sie ihre Illustrationen zu Bulgakows Meister und Margarita schuf, Illustrationen, von denen es einem kalt über den Rücken läuft und sich die Haare sträuben. Oder, wenn alles nur die Arbeit entscheidet, woher hatte dann die andere Nadzia, die Ballerina Pawlowa, mit sechzehn Jahren diese unwahrscheinliche Ausdruckskraft des Körpers? Nein, nein! Lacht nur, aber sie, die Natur ist es, die uns mit der unsterblichen Vollkommenheit ihrer Schöpfungen fasziniert.

Mein Gott, wovon spreche ich, woran denke ich, während mein Mann im Operationssaal liegt und ich nicht weiß, was mit ihm ist und ob ich auf das Taxi warten oder das erstbeste Auto anhalten soll. "Guten Abend, Herr Nachbar! Nein, nein, es ist nichts passiert. Ich warte nur auf ein Taxi".

Schneeflocken tauen auf Gesicht und Händen. Wie feierlich er ist, der leichte Schneefall im Licht der Laternen! Die Natur feiert ihr Fest, und all unsere Freuden und Kümmernisse gehen sie nichts an. Glücklich, wer sich als Teil von ihr begreifen kann! Ich bin ein Stadtkind, und es wird mir vielleicht nie gelingen, mich eins mit der Umwelt zu fühlen, ich vergehe, wenn ich nicht die rettende Enge um mich spüre. Als ich einmal allein auf freiem Feld war, wäre ich fast gestorben vor Angst, am helllichten Tag, vor nichts und wieder nichts. Vielleicht rächt sich die Natur an uns: Unsere Muskeln sind schwach geworden, wir haben verlernt, normal zu gebären, und wenn es keine Ärzte gäbe... Was mich betrifft, so bin ich manchmal neidisch, wenn ich den forschen Gang einer Frau sehe, der nicht durch hohe Absätze behindert wird, solche Frauen sieht man jetzt selten, sehr selten! Meine Ewka eifert meinem Beispiel nach: Sie kennt schon die Parfümmarken, die Wirkung von "Londaton"-Haartönung und interessiert sich für die Geheimnisse des weiblichen Charmes. Eben in diesen "Geheimnissen" sehen die Freunde unserer Familie den Grund dafür, dass wir, wie sie meinen, eine so glückliche Ehe führen.

Früher wollten die Damen, mit denen ich bekannt war, immer wissen, wie ich es fertigbringe, dass Siarhiej nicht trinkt, nicht den Frauen nachläuft usw. Die Männer hingegen musterten mich und erklärten lauthals: "Man müsste ein Dummkopf sein, wenn man so einer Frau davonliefe!" Doch die Wahrheit liegt, wie mir scheint, woanders: Siarhiej machte Karriere; er stieg zügig und beharrlich auf, und dafür hätte er alle Frauen der Welt hingegeben. Ich war wohl gerade das "Milieu", das zu einem Menschen wie ihm am besten passte.

Hatte er wirklich alles einkalkuliert, ehe er sich mir im Fernsehstudio in der Schabolowka in Moskau näherte? Maria erzählte mir später, er habe vorher bei ihr Erkundigungen eingezogen: "Wer ist denn das Mädchen dort in der Ecke, das schon drei Stunden, ohne aufzublicken, über seinen Papieren sitzt?" Maria ist eine von den guten Seelen, die aus dem Leben ihrer nächsten Bekannten für niemanden ein Geheimnis machen, und brachte auch dem neuen Praktikanten Vertrauen entgegen. In fünf Minuten hatte sie alle wichtigen Etappen meines Lebens erzählt und natürlich mit dem romantischen Fluidum angefangen: "Vor drei Jahren ist ihr Bräutigam abgestürzt, die Ärmste".

Drei Jahre Treue zu einem verunglückten Bräutigam - dieses Argument verlieh mir in jenen Jahren einen zusätzlichen Zauber, eine Art Heiligenschein. Damals bewahrte Mama mich davor, völlig herunterzukommen. Sie achtete darauf, dass ich nicht halbangezogen das Haus verließ oder etwa Essigessenz anstatt Wasser trank. Sie bügelte meine Blusen und Kleider und besorgte schicke Sachen für mich, die die anderen Mädchen in Begeisterung versetzten und meinen Schrank wieder füllten. Während ihrer Auslandsreise waren mir von meiner ganzen Garderobe nur ein Rock und eine Jacke geblieben, und das auch nur, weil man mich sonst nicht in die Vorlesungen gelassen hätte.

Mama kam zurück, als von Jurka nur noch Asche geblieben war, ein Häufchen Asche, die man seiner Tante in einer weißen Plastschatulle ausgehändigt hatte. Auf der Rückseite klebte ein Zettel mit der Adresse, und als ich die Schatulle nahm, hätte ich sie beinahe fallen lassen - sie roch nach demselben Bürokleister wie Jurkas Hand damals im "Neringa", als ich so gern diese Hand und den komischen Ring geküsst hätte, mich aber vor dem Offizier genierte. Als die Tante und ich vom Krematorium kamen, setzten wir uns auf eine abgeblätterte grüne Bank, auf die die Tante vorsichtig die Schatulle stellte. Ich spürte, dass sie nicht wusste, wie sie sie halten und was sie damit machen sollte, und sagte plötzlich lachend: "Vielleicht sollten wir die Asche in den Wind streuen? Man weiß doch gar nicht, wessen Asche das ist, dieses Häufchen. Vielleicht war es Brennholz. Ob die auch Brennholz nehmen?" Die Tante kniff entsetzt die geröteten Greisinnenaugen zusammen, mit mir aber geschah etwas Wunderliches: Die Tage, die Minuten flogen wie Meteore vorbei, und jeder Tag, jede Minute schien zu schreien und mir jedes nicht ausgesprochene freundliche Wort, meine Vorsicht, meine Ängstlichkeit vorzuwerfen. Da ist Chiwa - die sonnendurchglühte Lehmwand der Moschee, der würzige Geruch des Grases und die Kühle der blaugemusterten Kacheln. Jurka und ich streiten uns.

Ich: "Wir haben doch Karten für morgen. Schließlich müssen wir noch bis Taschkent".

Jurka: "Wir schaffen das, sag ich dir! Glaubst du mir etwa nicht? Wie können wir nach Hause fahren, ohne Samarkand gesehen zu haben? Ich schicke ein Telegramm an meine Tante".

Ich: "Wir haben sie auch so schon tüchtig gerupft!" (Meine Stimme wird schrill, die Mädchen, die vorbeigehen, schielen interessiert zu uns herüber). "Wir kommen schon noch mal nach Samarkand! Hätten eher daran denken müssen. Woher sollen wir die dreißig Rubel für die Karten nehmen?"

Jurka überlegt nur eine Sekunde. Dann greift er nach meiner Tasche und holt das einzige hervor, was dort außer einer Thermosflasche noch verblieben ist: eine neue Mohairjacke, der letzte Modeschrei, Mama hat sie gerade erst aus dem Ausland geschickt (neunzig Rubel mindestens), und schon eilt er damit den Mädchen hinterher:

"Mädchen, eure große Chance! Dreißig Rubel - und ganz Chiwa wird blass vor Neid!"

Völlig versteinert sehe ich zu, wie ein nicht mehr junger dicker Mann über die Straße gerannt kommt, die eine Hand in die Jacke krallt und mit der anderen ungeschickt drei Zehnrubelscheine aus der Brieftasche zieht. Ich sehe zu, dann weine ich und schleudere meinem Jurka alles, was einem in solch einem Augenblick die von Sonne und Selbstmitleid erhitzte Phantasie eingeben kann, in das magere braungebrannte Gesicht: "Du Abenteurer! Du Gauner! Ich hab noch dieses eine Kleid hier! Und einen japanischen Büstenhalter, vielleicht verkaufst du die auch noch, ist doch Mangelware!"

Jurka zieht mich schweigend zum Busbahnhof - wohl um Karten zu kaufen, aber bei den letzten Worten lebt er auf, kleine Dämonen tanzen in seinen müden Augen. "Wozu in Teufels Namen brauchst du einen Büstenhalter? Du hast einen so schönen Busen".

Die Hände der Tante zitterten, sie griff nach der Schatulle mit der Asche, mit dem Häufchen Asche - war das wirklich alles, was von Jurkas Lächeln, von seinem tapsigen, ein wenig laxen Gang, von seinen langen, feinfühligen Fingern, von der schmalen weißen Narbe blieb, die eine Halsoperation auf seiner gelben Haut zurückgelassen hatte? Von der ein wenig heiseren Stimme, mit der er auf meiner Seele spielte wie auf den Saiten einer Geige! Von dem schwarzen Haar, das sich über der Stirn wellte und nach den Auftritten in nassen Strähnen herunterhing! Ein Häufchen Asche! Es ist zu spät, mich für alle bösen Worte zu rechtfertigen, und ich kann auch die Ohrfeige in Chiwa nicht rückgängig machen, die ich ihm gleich neben dem Busbahnhof gab. Nicht eine einzige Minute kann ich jetzt noch ändern!

"Warum sehen Sie mich so an? Was soll mir das hier?!"

Die Frau ergriff die Schatulle, ihre Finger waren grob, auf dem Zeigefinger hatte sie eine gelbe Schwiele, wohl vom Messer, ich aber lachte weiter, in Lachsalven, die immer länger wurden, bis schließlich die purpurrote Sonne am Horizont über den ganzen Himmel zerfloss und sich auf mich stürzte. Ich suchte mich der Sonne zu erwehren, doch sie hielt mich an den Armen fest, drehte mich um, schüttelte mich.

Aus der Unfallstation wurde ich erst gegen Morgen entlassen, nachdem sie mir irgendwelche Spritzen verpasst hatten, die mich stumpf und träge machten. Sie steckten mir eine Arbeitsbefreiung für eine ganze Woche in die Tasche. Ich ging durch die bekannten Straßen. Wieder war Vorfrühling, wie damals in Vilnia zitterten die kahlen Kastanienzweige vor Kälte, in den Grünanlagen waren verfaulte braune Blätter in Pfützen eingefroren, und nur die Sonne in den rosigen, hellblauen und grauen Wolken kam mir anders vor: fahl, irgendwie schwarz geworden und müde, und mir schien, dass es ihr schon über war, Jahrtausend für Jahrtausend schweigend auf die Menschen herniederzusehen, auf ihre Unruhe und Besessenheit, auf ihre verzweifelten Versuche, das Schicksal und die Verhältnisse zu bezwingen. Wozu war es nötig gewesen, dass Jurka starb und ich am Leben blieb? Wenn es Zufall war, wenn es ihm nicht bestimmt gewesen war, so früh zu sterben, wozu dann alle unsere Bestrebungen, das ganze mächtige Brodeln des Lebens?!

Jurka war abgestürzt, als er über die Brandleiter in ein Internatszimmer klettern wollte, in dem seine Kommilitonin, die unbegabte und meist Hosenrollen spielende Iryna Slavucitsch wohnte. Iryna hatte den Schlüssel verloren und Jurka um Hilfe gebeten. Er konnte keinem etwas abschlagen, und schon gar nicht Iryna mit den naiven blauen Augen und der gut gemimten Hilflosigkeit. Ich schalte immer den Fernseher aus, wenn ich auf von ihr dargestellte Helden stoße, romantische naive Jünglinge, die zu spielen ihr mit jedem Jahr schwerer fällt. Eine romantische Ader hatte sie schon immer. Ihr gefiel Jurka in seinem bunten Satinhemd, das er extra gebügelt hatte, um auf Freikarten in den "Zeitgenossen" zu gehen, sie betrachtete ihn schwärmerisch, klatschte sogar in die Hände und rief ihm etwas zu, als er gerade von der Leiter herüberkletterte. Jurka blickte sich um, und seine Hand glitt von dem blechernen Fenstersims ab, die Hand, an der er den komischen Bernsteinring aus falschem Gold trug.

Dieser Ring hatte mich zuerst schrecklich geärgert, und ich versuchte immer wieder, ihn von Jurkas tabakgebeiztem Finger zu ziehen, besonders da der Stein mich drückte, wenn ich, auf dem Weg zu den Vorlesungen, neben Jurka hertrippelte und er meine Hand hielt. Aber einmal nachts, als es vor dem Fenster heulte und stürmte, ein Unwetter Regenschauer und Windböen gegen die Hauswand trieb und wir uns wie Kätzchen aneinanderschmiegten, erzählte er mir, wie man sie, Leningrader Kinder, während der Blockade über den Ladogasee evakuiert hatte. Es war bitterkalt, Bomben detonierten bald vor ihnen, bald neben ihnen. Eine schlug genau vor ihrem Lastwagen ein. Jurka saß neben der Erzieherin, an ihren Ärmel geklammert; die Frau konnte ihn noch mit ihrem Körper schützen. Als man Jurka herauszog, wollte er die leblose Hand nicht loslassen, man musste ihn mit Gewalt von der Toten trennen, aber der gelbe Bernsteinring blieb in seinen gekrallten Fingern. Ich fand es seltsam, dass Jurka darüber erst so spät, in einem Augenblick großer seelischer Nähe sprach, er, der so offen und freigebig in der Freundschaft war! Doch später wurde mir auch vieles andere verständlich: Was ihm teuer war, durfte weder Lob noch Tadel erfahren. Über mich wollte er von Fremden kein Wort hören; Richter und Angeklagter in unserem kleinen Königreich, fällte er seine Urteile über sich und über mich, und ich folgte ihm ergeben und war glücklich - immer, jeden Augenblick, obwohl ich nur sein Leben lebte, nur auf ihn hörte.

Bestimmt würden meine Freundinnen mich auslachen - solche Gedanken wären ihnen fremd: Das fehlte noch, wir kämpfen für unsere Emanzipation! Ältere Frauen dagegen wären sicher entsetzt gewesen, wenn sie unsere Gespräche gehört hätten (ich habe festgestellt, dass mit zunehmendem Alter der Drang, die Moral zu hüten, stärker wird). Zum Beispiel so eins:

Ich: "Sieh dir das an - wie ein Besen, das schmutzige Haar! Und dort, bei der Schwarzen, müsste man der Frisur etwas Schwung geben".

Er: "Hör zu, ich sag dir allen Ernstes: Versteck dich nicht hinter der Filmwissenschaft, folge der Stimme deines Herzens! Wenn du willst, besuch Abendkurse. Ich hab gerade einen Zirkel gefunden, werde selbst zuverdienen und bin beschäftigt, so dass..."

Ich: "Ich habe dir ein für allemal gesagt: Mama wird mir nie im Leben erlauben, das Studium aufzugeben. Und ich möchte auch nicht, dass deine Frau nur Friseuse ist".

Er: "Wer hat dir denn gesagt, dass ich dich zur Frau nehme?"

Ich: "Warum solltest du mich nicht heiraten?"

Er: "Du passt in sexueller Hinsicht nicht zu mir. Ich möchte, dass die Frau vor Leidenschaft bebt, wenn ich zu ihr komme, dass sie sich in mein Haar krallt. Du aber bist eine Spießbürgerin, hüllst dich ewig in irgendwelche Gewänder und Laken, dir fehlt die Natürlichkeit des gesunden, nicht von der Zivilisation verdorbenen Menschen".

Ich: "Wüstling!"

Er: "Eher bist du verdorben, weil du weißt: Ein halbentblößter Körper erregt viel mehr als ein nackter. Phryne schämte sich nicht vor Praxiteles! Sie wusste, dass an einem gesunden Körper nichts Schändliches, Schmutziges ist".

Ich: "Ich bin für dich weder eine Hetäre noch Phryne noch, Gott sei Dank, etwa deine Frau! Nackt werde ich vor dir sowieso nicht herumlaufen, mach dir keine Hoffnung!"

Er: "Als ob du nicht schon jetzt nackt herumliefst. Sieh deine Miniröcke, deine Blüschen, aus denen du förmlich herausfällst! Und vor mir schämst du dich mehr als vor den anderen? Wer ist also der Wüstling, sag! Schau, mit was für Augen dir diese jungen Handwerker folgen!"

Und obwohl Jurka schließlich, wie immer, das Gegenteil von dem zu beweisen suchte, womit er das Gespräch begonnen hatte, erreichte er sein Ziel: Meine Röcke wurden länger, die Blusenausschnitte kleiner, und die Männer schauten mir nicht mehr hinterher.

Einmal (wieder war es nachts, der schmale, durchsichtige junge Mond blickte ins Fenster, und die bläulichen Sternenstrahlen schienen die Scheibe zu durchdringen und funkelten auf den Sprüngen) lagen wir schlaflos und schweigend auf der Couch. Da begann Jurka zu sprechen. Ich entsinne mich, dass ich Angst hatte, mich zu rühren, denn ich wusste den Augenblick zu schätzen, wenn jemand sich dir anvertraut, sich selbst erkennt und sich dieses Erkennens freut. Wie nahe wir einander auch standen, in solchen Minuten spürten wir jedes Mal, dass es für wirkliche, seelische Nähe keine Grenzen gibt. Damals sagte Jurka zu mir: "Denkst du, ich wäre ein Savonarola oder wollte eifersüchtig meine geheimen Schätze vor fremden Blicken hüten? Vielleicht kann ich dir das alles nicht bis ins Letzte erklären, aber begreif doch, dein Dekollete ist wie eine freiwillige Kapitulation. Wovor, fragst du? Vor etwas, was dir fremd ist. Sieh, wie du mit naiver Schamlosigkeit, ohne dir Gedanken darüber zu machen, alles Vorteilhafte an deiner Figur herausstreichst: Du betonst die Hüften, lässt die Knie frei. Unterbrich mich nicht, schlecht daran ist nur, dass du bezaubern willst, dir aber wirkliche, geistige, seelische Schönheit und Anmut bislang abgehen, obwohl das alles in dir ist, irgendwo tief verborgen - schließlich habe ich mich nicht in ein hübsches Püppchen verliebt! Deine eingebildete Freiheit von Konventionen ist doch nicht die Freiheit eines schönen, seiner Fesseln ledigen und, um in der Sprache der Priester zu reden, unschuldigen Körpers, sondern Sklaverei. Du besitzt nicht die Erhabenheit der Helleninnen, die nackt ins Stadion kamen, du hast nicht einmal die Einfachheit der Sportlerinnen der dreißiger Jahre, die stolz durch die Straßen marschierten. Unterbrich mich nicht, ich weiß, dass du nicht allein schuld daran bist. Jetzt ist für euch Frauen sozusagen das Goldene Zeitalter angebrochen. Geh, worin du willst und wie du willst. Aber diese Freiheit benutzt ihr dafür, noch schlimmere Sklavinnen zu werden - Sklavinnen von Mode und Konventionen. Sieh dich abends auf den Straßen um: Regimenter, Bataillone von Mannequins! Alle gleichfrisiert! Die gleiche Augenform! Aber du bist doch einmalig! Begreife endlich: Du bist einmalig! Und deine Stärke liegt darin, dass es eine wie dich nicht noch einmal auf der Welt gibt: Selbst wenn dir eine ähnlich sieht, so hat sie doch nicht dein Lächeln, und wenn auch ihr Lächeln deinem gleicht, wird sie sich doch nicht so verwirrt und schuldbewusst im Seminar umschauen wie du, wenn du den Stoff nicht vorbereitet hast".

"Machst du dich auch noch lustig, ja? Du bist ein schrecklicher Individualist, Jurka".

"Richtig, ich bin ein Individualist", sagte er und wurde wieder ernst. "Tatsächlich ein schrecklicher Individualist. Ich hasse die Herden von Exkursionsteilnehmern, die gehorsam den Kopf von einem Gemälde zum anderen wenden. Ich hasse auf dem Bahnhof die leeren Kassenschalter für Sammelbestellungen und die stumpfsinnigen Schlangen von Einzelpersonen an den gewöhnlichen Kassen. Ich kann die Begrüßungsformeln der Jungen Pioniere nicht ausstehen, wenn die Kinder mit gekünstelter Stimme das Versprechen hersagen, fleißig zu lernen und sich gut zu führen, Versprechen, die Erwachsene für sie aufgeschrieben haben. Ich möchte nicht, dass du Produkt einer solchen "Kultur" wirst - ein bisschen was von Puschkin, ein bisschen was von Gogol, mal was gehört von Marquez, Picasso, Dumas dem Jüngeren! Und ich möchte nicht, dass du eine Ästhetin wirst, die rein gar nichts von Joyce versteht, aber auf Intellektuellenpartys lieblich über ihn wispert und ihren Busen zur Schau stellt! Liebes, ich bitte dich, ich flehe dich an: Werde nicht so, denke nach, denke mehr nach! Vielleicht magst du es nicht mehr hören, aber ich möchte so gern, dass wir in uns selbst den wirklichen, vollkommenen Menschen schaffen, dass wir wissen, die Wahrheit liegt in uns selbst. Sieh mal, die Atmosphäre, in der du lebst, ist dir zuwider, und über die Wege und die Entwicklung des Films nachzudenken bringt dein wohlfrisiertes Köpfchen zur Verzweiflung. Willst du dieses Kreuz ein Leben lang tragen? Du kannst natürlich deinen Geschmack entwickeln, aber hier ist großes Engagement nötig, und Engagement gehört nicht zu deinem und deiner Mutter Programm. Du kannst dich doch nicht zwingen, deine Arbeit zu lieben, an Liebe durch Zwang glaube ich nicht, und womit soll das alles enden?"

Es war das erste Mal, dass Jurka so lange sprach, ich aber, ich hörte anfangs atemlos zu, dann jedoch fing ich an, ihn leise abzuküssen. Zärtlichkeit überwältigte mich, ich berührte mit den Lippen seine Schläfe, die stachelige Wange; er stockte mitten im Wort und verstummte. Der Mond schimmerte silbern, im Zimmer wurde es hell, und als ich, ein wenig aufgerichtet, in Jurkas Gesicht blickte, war es traurig und ein bisschen spöttisch, und er hatte lila Schatten unter den Augen. Für einen Moment war es, als berührte mich etwas wie ein kalter Windhauch, doch ich schüttelte den Kopf, glitt von der Couch und zog ihn am Arm.

"Du denkst natürlich, dass du Perlen vor die Saue geworfen hast. Aber nein, ich verstehe alles, du hast recht, doch nun lass uns Tee trinken, mein Mund ist ganz trocken geworden von deinen ernsten Reden!"

Er kroch unlustig unter der Decke hervor und setzte sich auf. Nahm meine Hand, betastete meine Fingernägel (ich hatte sie gerade gut manikürt) und bat plötzlich sehr ernst und so, als redete er von etwas ganz Gewöhnlichem: "Stella, versprich mir... Versprich mir, dass du kein Raubtier wirst".

"Wa-as?" Ich war so verwundert, dass ich ihm meine Hand entzog, ihn an den Schultern packte und anstarrte."Ein Raubtier? Was ist das für ein Beruf, Jurka? Machst du schon wieder deine Scherze?"

Kein Prediger hat je so vor seiner Gemeinde gestanden, wie er jetzt da stand - magere, behaarte Beine, blaue Turnhose, die ihm beinahe bis zu den Knien ging, und ich musste lachen, während er mit derselben Stimme, mit derselben Intonation, traurig und gespannt, als lausche er auf etwas, das nur er allein vernahm, wiederholte: "Stella, werde nicht zum Raubtier!"

Ich zog ihn in die Küche, zündete den Brenner an, setzte den Teekessel auf und schwatzte unaufhörlich, als wollte ich mit Worten alles übertönen, was in seiner Stimme, in ihrem plötzlich fremden Klang mitschwang:

"Gib dich keinen falschen Hoffnungen hin, ich werde zur Tigerin für alle, die ein Auge auf dich werfen. In tausend Stücke werde ich sie reißen. Du willst mich zwar nicht heiraten, trotzdem wirst du mein sein! Mein bis zum Tode!"

Spricht manchmal das Schicksal aus unserem Mund, als ahne und begreife nur die Seele das Unvermeidliche? Ich lachte bei meinen Worten, Jurka aber stellte die Tasse mit dem heißen Tee hin und erwiderte noch genauso gespannt (die lila Schatten waren beim grellen elektrischen Licht nicht von seinem Gesicht gewichen): "Ich glaube, so wird es kommen".

Mein Gott, wie naiv und dumm ich damals war. Etwas Unbekanntes diktierte uns gleichsam das Urteil, ich hörte es und hörte es nicht, ich warf mit Worten um mich wie mit Glasperlen, und sie fielen, fielen in eine bodenlose Tiefe, um erst jetzt wieder aufzutauchen. Die ganzen drei Jahre der Trauer, in denen ich wie ein verwundetes Tier war, das nur seine Wunden leckt, und auch später erinnerte ich mich an jeden gemeinsam mit Jurka verlebten Augenblick immer nur optisch, in irgendwelchen Bildern, fast ohne Worte, Aber es hatte doch auch Worte gegeben! Ich sah die lila Schatten auf seinem unrasierten Gesicht, erinnerte mich an das braune Teeblättchen im Mundwinkel, das ich mit einem Kuss fortnahm, an den geröteten Kreis auf dem Knie, wohin er seine Teetasse gestellt hatte, doch Worte hatte ich mir anscheinend nicht gemerkt. Nun zeigte sich, dass auch sie in mir gelebt hatten, wie sie in einem Papagei fortleben, der ganze Sätze hintereinander wiederholen kann, die sich ihm einmal mechanisch eingeprägt haben. Jetzt, da ich mich Satz für Satz erinnerte, begriff ich, worüber er damals mit mir gesprochen hatte, an jenem Abend, als die Strahlen der frostigen Sterne die gefrorenen Fensterscheiben zerkratzten! Ein Raubtier. Diese Worte hatte meine Schwiegermutter auch einmal über mich gesagt, ich aber hatte als Antwort gelacht. Sie war selbst alles andere als eine Heilige, und obwohl sie für Siarhiej zu allem bereit war, änderte das nichts am Sachverhalt.

Ich denke oft nach über die sogenannte "heilige" Mutterliebe. Wahrscheinlich hatte ich kein Glück, war mir doch die Selbstaufopferung meiner Mutter wie auch die meiner Schwiegermutter immer vorgekommen wie die Selbstaufopferung eines Gobseck, der seinen Reichtum hütet und verteidigt, als ginge es ums eigene Leben. So hatte es meine romantische Schwiegermutter fertiggebracht, eine junge Frau, die beinahe meinen künftigen Mann geheiratet hätte, aus ihrem Haus zu komplimentieren, nur weil sie keine glänzende Partie war. Und Mama? Was für einen Grabspruch verfasste meine Mutter "diesem Gauner", als sie in ihren dicksohligen italienischen Tretern vor dem leeren Schrank stand! Sie waren so fest, diese "Fundamente", dass nicht nur der Anblick des leeren Schrankes, sondern auch ein Erdbeben Stärke zwölf ihre Trägerin keinesfalls umgeworfen hatte. Ich sehe sie wie heute: Sie war damals, vor zwölf Jahren, sechsundvierzig, aber sie hatte die Natur um mindestens zehn Jahre überlistet, vielleicht auch um mehr, denn zu dieser Zeit hatte sie einen eisernen Magen und die Figur einer Tanzpädagogin; sie stand fest auf ihren "Fundamenten", und die Fransen ihrer hellbraunen Perücke verdeckten kleidsam ihre allzu stark gewölbte Stirn. Ich saß auf der Couch, betäubt von ihren Worten und dem Kofferberg, der fast die Hälfte des Zimmers einnahm, und spürte dumpf, wie mit jeder Salve ihrer schrillen, blechernen Stimme eine Erscheinung in abgetragenen blauen Jeans und mit gelben Raucherfingern aus dem Zimmer verdrängt wurde. Vielleicht ist es besser so, hämmerte es in den Schläfen. Ich wusste, dass es vergeblich war, Jurkas Erscheinung in unserer Wohnung festhalten zu wollen, er hätte sich hier nicht einleben können mit uns allen. Papa, der sich nach der Reise im Schlafzimmer ausruhte, hatte ihn schon von da vertrieben. Im Wohnzimmer hielten wir uns kaum auf. Dort herrschte eine Garnitur aus karelischer Birke, die Mama modernen polierten Möbeln vorzog. Hier, in der Küche, wo wir so gerne Tee getrunken hatten, wirtschaftete nun Mama. Die Wohnung hörte vor meinen Augen auf, unser Heim zu sein, sie wurde zu einer gewöhnlichen Moskauer Wohnung, in die jeder x-beliebige zu Besuch kommen konnte. Nach Jurkas Tod waren weder Nachbarn noch Bekannte hier gewesen - niemand, hier wohnte nur er. Und ich.

"Das war wirklich genial von mir", sagte indes Mama, und ihre rosigen Wangen färbten sich dunkler vor Zorn. "Ich hatte mir geschworen, mich hier nicht einzumischen. Am Ende würdest du noch von zu Hause weglaufen. Ich tat, als wüsste ich nichts von diesem..." (sie stockte und senkte sogar die Augen) "von deinem..."

"Mama, nicht doch". Ich blickte zu Boden, aber auch dort sah ich die weiße Plastschatulle, und die Erscheinung stand noch immer in der Tür, als zögere sie, hoffe noch auf etwas.

Mamas Stimme aber hämmerte mir im Kopf: "Alles ist so gekommen, wie ich geahnt habe. Er hat dich nicht geheiratet. Nun kannst du getrost an die Zukunft denken. Wenn ich nicht... Aber ich habe auch schuld, warum musste ich dorthin fahren, warum? Ich habe dich in diesem gefährlichen Alter allein gelassen. Und gerade an solche wie dich, mein liebes Mädchen, gerade an solche hängen sich doch die verschiedensten Gauner. O Gott, vergib mir, ich habe meine Zunge nicht im Zaum gehalten! Ich habe ihn wieder erwähnt, deinen Smaktunouski, von dem der ausgeräumte Schrank geblieben ist!"

Jurka war nicht mehr im Zimmer, und ich hatte keine Kraft aufzubegehren. Als Mama genug geredet hatte und endlich verstummte, begann sie mich eigenhändig auszuziehen; sie brachte mich ins Bett und rannte zu Vater, um sich mit ihm zu beraten, denn ich hatte mittlerweile 38,4 Fieber. Vater kam, murmelte etwas, legte mir die Hand auf die Stirn und kehrte zu seinen Zeitungen und seinen verantwortungsvollen Gedanken zurück, die so verantwortungsvoll waren, dass niemand von uns jemals etwas über sie erfuhr, und Mama blieb allein mit ihren Mutterpflichten, die immer schwerer wurden, da ich mehr und mehr versteinerte, bis ich schließlich in ein Nirwana versank, wo es weder Mama noch die Wohnung, noch Jurka gab - nichts, nur eine bodenlose graue Leere und Leichtigkeit. Ich hatte mir erst nach Mamas Rückkehr erlaubt schlappzumachen, und sie "hielte" mich mit einer Energie hoch, die jeden und vor allem mich hypnotisierte, so dass ich noch Monate danach gehorsam irgendwelche Tabletten schluckte, mir Spritzen geben ließ und - alle Prüfungen glücklich ablegte. Dann erholte ich mich in Sotschi, und ein halbes Jahr später begann ich im Fernsehstudio Schabolowka zu arbeiten, weil es in den Filmstudios auch ohne mich genügend Genies gab. Es schien, als hätte der Zufall Siarhiej und mich zusammengeführt, aber der Zufall kommt, wo man auf ihn wartet, und mein künftiger Mann erwartete von Moskau damals Wunder. Als dann der gesunde Menschenverstand siegte (Siarhiej hatte begriffen, dass er in Moskau nicht das erreichen wurde, was er in Minsk erreichen könnte, und gab schließlich den Plan auf, in Moskau zu bleiben), war es bereits zu spät: Beide Mütter nahmen ihn so ins Gebet, dass er einfach nicht mehr zurückkonnte. Warum hätte Siarhiej auch Abstand nehmen sollen? Er stellte mich stolz seinen Freunden und Bekannten vor, und ich wurde dank der von Mama geerbten Fähigkeit, mich anzupassen, jedem Geschmack gerecht: dem bärtiger Intellektueller bis hin zu dem moderner, auf Film und Literatur machender junger Mädchenfrauen, die sich erstaunlich gut mit Mammon und Melpomene zu arrangieren wussten. Ich überstand das alles ohne große Schwierigkeiten. Zum erstenmal seit Jahren konnte ich mich wieder hinter einem starken Rücken verstecken (Mama zahlte nicht), und ich spürte, dass ich ohne einen starken Rücken einfach nicht auskam. Zwar wusste ich immer, dass ich meinem Mann nur dann in die Hölle folgen würde, wenn alle anderen Wege versperrt wären - na und? Leben nicht viele so? Ein vernünftiges, ruhiges Leben - ist das denn so wenig?

Und trotzdem - woher kam dieses Schuldgefühl?

Der Schrei "Wofür?" ist ein blinder Schrei, den der Mensch dem im tiefsten Innern nistenden Entsetzen und der Nacht entgegen schleudert. Immer gibt es ein Wofür. Immer folgt der Schuld die Vergeltung.

Meine lieben, bequemen, unschuldigen Hypostasen - die gute Gattin, die fürsorgliche Mutter, die schöne Frau - warum weicht ihr jetzt wie unter einem mächtigen Druck vor mir zurück?

Von überallher folgen mir Augen: die Augen meiner lieben Mama, die Augen meiner Schwiegermutter, vor allem aber leuchten aus der weißen Dunkelheit im einsetzenden Schneefall Jurkas Augen.

"Stella, werde nicht zum Raubtier!" Warst du etwa ein Prophet, Jurka? Denn ein Raubtier ist nicht nur, wer den Nächsten zerreißt, ein Raubtier ist auch, wer zulässt, dass zerrissen wird, wer auf Kosten fremden Fleisches lebt, wenn man es nur auf einem schönen - unbedingt schönen - Teller serviert.

Wenn Jurkas Tod die Vergeltung dafür war, dass er in Einklang mit seinem Herzen lebte - wie ich schon sagte, lebte er königlich (Ikarus nahm sich auch die Freiheit zu fliegen, er stieg auf und sah die Sonne aus der Nähe, doch das können sich nur wenige leisten) -, so kommt jetzt auch auf mich die Vergeltung zu - wofür? Dafür, dass ich nicht fliegen kann?

Nein, ich tauge nicht zu Heldentaten - ich gehöre nicht zu denen, die zur Sonne fliegen.

Aber jeder hat doch seinen Gipfel - bin ich hinaufgestiegen? Habe ich versucht, ihn zu ersteigen?

Nicht, dass ich wusste.

Ich habe es wohl nie versucht.

Damals im Institut legte ich eine Prüfung in antiker Kunst ab. Mein Thema lautete: Nemesis - die Göttin der Rache. Oh, wie hat sie mit denen abgerechnet, die es gewagt haben, sich mit dem Schicksal zu messen! Prometheus, Sisyphus, der den Tod überlisten wollte; der vom Schicksal einst begünstigte Polykrates. Und Krösus? Und Sisyphus' Bruder Salmoneus, der ein Gott sein wollte?

Strafst du, Nemesis, nicht auch jene, die keine Götter sein wollen?!

Wozu ist dem Menschen die riesige, mächtige Welt gegeben? Jeder Tag auf dieser Erde ist wie ein wundervolles, märchenhaftes Geschenk, mit dem wir nur nicht umzugehen wissen, weil man eines solchen Geschenkes würdig sein muss und keine Angst haben darf, sich in die Lüfte aufzuschwingen, nicht fürchten darf, sich die Flügel zu verbrennen.

Ich aber hatte sogar Angst, über das Einfachste nachzudenken, um dessentwillen der Mensch auf die Welt gekommen ist: das eigene Ich und die Welt zu verstehen, sie zu akzeptieren und sich vor ihr zu verneigen...

Da kommt das Taxi. Wie lange habe ich gewartet? Wirklich nur zwanzig Minuten? Wahrhaftig. Sollte das ausreichen, ein Leben zu verändern?

Vielleicht ja. Nicht jeder hat das Glück, wenigstens zwanzig Minuten allein zu sein mit Nemesis!

 

1980




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Brigitta Schröder

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