Źmitrok Biadula

Chronisten

Schwüle, finstere Nacht.

Der alte Miron und seine Familie schliefen in der Scheune im frischen Heu. Nur zwei fanden keinen Schlaf - er selbst und sein achtjähriger Enkel Andrejka. Der Großvater überlegte, wie er möglichst leise, ohne dass es seine Schwiegertochter hörte, die Scheune verlassen könnte; er wollte seinem Sohn einen Brief schreiben. Andrejka hielt die Flöte in den Händen, die ihm der Großvater am Tage aus einer Weinrebe geschnitzt hatte, und pfiff leise darauf'. Die anderen schliefen nach der Heuernte tief wie nach einem Volksfest. Der Greis sah sich um und erhob sich geräuschlos von seinem Platz.

"Andrejka!", flüsterte er ungeduldig.

Der Junge wusste, dass er im Haus für den Großvater einen Brief schreiben sollte. Geschickt kroch er zu ihm hin. Der Greis nahm ihn bei der Hand und legte mit geheimnisvoller Miene einen Finger an die Lippen. Andrejka verstand. Keinen Laut! hieß das. Er musste schweigen, als habe er Wasser im Mund.

So gelangten sie ans Scheunentor. Der Großvater öffnete es vorsichtig, damit es nicht knarrte. Die beiden Verschwörer traten in den Hof.

Wieder klopfte dem alten Mann das Herz. Zu viele Hindernisse bedrohten ihr Vorhaben. Shutschka, der Teufel sollte ihn holen, brauchte nur zu knurren: Die in der Scheune würden es hören und Lärm schlagen. Und Andrejka, der Schlingel, musste unbedingt auf seiner Flöte blasen, noch dazu so laut, dass es von allen Seiten widerhallte, als reite der Leibhaftige auf einem Besen heran.

Er nahm seinem Enkel die Pfeife weg und steckte sie sich vorn ins Hemd.

Wie die größten Bösewichter schauten sie sich um und traten ins Haus.

"Großväterchen, gib mir die Flöte wieder!"

"Aber leise, Andrejka, sonst weckst du alle Teufel auf!", bat der Alte und gab sie ihm.

Andrejka hüpfte im Dunkeln und flötete.

Der Großvater zündete einen Kienspan an und holte hinter den Heiligenbildern ein Blatt Papier hervor, das er am Tage im Städtchen für Besen eingetauscht hatte.

"Jetzt gib mir die Flöte, mein Junge", sagte er zu Andrejka. "Wenn du den Brief geschrieben hast, bekommst du sie wieder. Fang an in Gottes Namen, wie man so sagt".

Andrejka erwiderte nichts, er pfiff nur mit besonderem Genuss ein letztes Mal langgezogen und laut, wischte das Instrument sorgsam an seiner Hose ab und überließ es seinem Großvater. Dann nahm er vom Wandbrett Tinte und Federhalter. Lange rutschte er auf der Bank am Tisch hin und her, fand aber nicht die rechte Stellung zum Schreiben. Die Bank war zu niedrig. Beim Sitzen reichte er gerade mit der Nase an den Tisch.

"Soll ich mit der Nase schreiben?", fragte er verschmitzt.

Schweigend steckte der Großvater den Kienspan in einen verrußten Spalt neben dem Fenster, ging besorgt in den Vorraum, brachte einen Trog herein und legte ihn auf die Bank. Trotzdem saß Andrej noch zu niedrig, sein Kinn berührte jetzt die Tischkante.

"Soll ich mit dem Kinn schreiben?"

Der Großvater sagte auch diesmal kein Wort. Beunruhigt wandte er sich zum Herd, zog den schwarzen Aschenkasten hervor und legte ihn auf den Trog. Andrejka setzte sich darauf.

"Ja, jetzt geht es, Großvater!" Er rückte sich den Kasten mit den Händen zurecht und machte sich dabei rußig. Die Knie an die Tischplatte gestützt, baumelte er mit den sonnverbrannten Beinen.

Alle Bewegungen verrieten, dass er sich so recht als Teilnehmer an einer geheimen Verschwörung fühlte und stolz darauf war. Sich seiner Gelehrtheit bewusst, nahm er den Federhalter zur Hand. Schon oft hatte er für Schreibunkundige Benachrichtigungen unterschrieben, die der Aufseher aus dem Bezirksamt brachte. Sorgfältig malte er dann immer, bis am Ende sein Name dastand: "Andrej Adamau Vajda".

Er tauchte die Feder ins Tintenfass, vergaß, sie abzustreichen, und setzte als erstes einen schwarzen Klecks von der Größe eines Kupferfünfers auf das Papier. In der Schule hieß so etwas "ein Brötchen". Der alte Lehrer drehte einem dafür das Ohr zusammen wie einen Strick, und der betroffene Schüler schrie in allen Tonarten.

Der Großvater glaubte, der runde Fleck diene zur Verzierung. Er hielt den Kienspan über das Papier, doch Andrejka hob den weißblonden Schopf und beklagte sich: "Es qualmt so! Ich kann nicht schreiben!"

Der Großvater nahm den Kienspan zurück.

"Na?" fragte Andrejka.

Das bedeutete: Was soll ich denn nun schreiben? Hier fiel ihm jedoch ein, dass der Soldat Maciej, der gewöhnlich allen Leuten die Briefe schrieb, niemals fragte, wie er beginnen sollte. Er war sehr gewandt und fing immer selber an: "An einem Eichentisch sitzend, schreibe ich mit goldener Feder dem gnädigen Herrn und wünsche mit einer tiefen Verbeugung Erfolg in allen Unternehmungen".

Andrejka schaute konzentriert auf das Papier, streckte die Zunge heraus, schnupfte und setzte sorgsam die Buchstaben. Er wollte sie sehr schön schreiben, aber sie gerieten krumm und schief. Seine rußige Hand hinterließ Bächlein und Wege auf dem Papier. Die Feder holperte über das Blatt wie ein schweres Fuhrwerk über einen alten Knüppeldamm.

So beendete er die "Einleitung", höchst zufrieden mit sich. Der Großvater würde staunen!

"Pass auf, deine Nase!", rief der Greis plötzlich so aufgeregt, als brenne das Haus. "Du verdirbst das Papier!"

Im letzten Augenblick rettete Andrejka das saubere Blatt.

"Lies vor, was du da verzapft hast, mein kleiner Schreiber", forderte der Großvater ungeduldig. "Wollen mal sehen, wie weit es her ist mit deiner Kunst".

Andrejka buchstabierte: "An einem Eichentisch sitzend, schreibe ich mit goldener Feder" und so weiter. Der Großvater war begeistert. Er schätzte kluge Gespräche und redete selbst gern in wohlgesetzten, ausdrucksvollen Worten, bei denen seinen Nachbarn manchmal die Augen übergingen, als hätten sie an Meerrettich gerochen. Im ganzen Bezirk galt er als ein großer Weiser.

Andrejka freute sich sehr über das Lob des Großvaters und bat ihn sogleich um die Flöte.

"Nein, nein, die gebe ich dir jetzt nicht. Lass mich in Ruhe damit".

"Gib sie mir doch!", bettelte Andrejka.

"Nein".

"Nur einmal pfeifen!"

Sie sahen einander in die Augen.

"Gib sie mir!"

"Nein!"

"Dann schreibe ich nicht weiter".

Der Großvater wurde unsicher.

"Bestimmt nur einmal? Du verdirbst uns noch alles!"

"Nur ein einziges Mal, wirklich!"

Andrejka duckte sich auf seinem Platz und sah den Großvater flehend an. Der Greis hielt ihm die Pfeife hin. Der Junge umklammerte sie fest. Er pfiff einmal, konnte nicht aufhören und pfiff noch einmal. Auf dem Hof schlug Shutschka an. Der Alte erschrak. Andrejka gab ihm die Flöte zurück.

"Ach, du Schlingel!", tadelte ihn der Großvater. "Ich sage doch, jetzt geht es nicht! Du wirst dein Mütchen schon noch kühlen können".

Er steckte die Flöte ein, putzte den Kienspan, legte einen neuen zurecht und überlegte.

Andrejka betrachtete unterdessen die Schatten an den verräucherten Wänden. Der des Großvaters war riesengroß, fast bedeckte er die halbe Stube. Sein eigener Kopf sah aus wie ein Kübel. Das fand er sehr lustig. Er hob eine Hand und versuchte, an der Wand eine Ziege abzubilden. Wirklich erkannte man in dem Schatten bald deutlich einen Ziegenkopf.

"Ziege, Ziege, gib mir Milch! Meeeh!", rief Andrejka, das Meckern nachahmend.

Der Großvater hing seinen Gedanken nach. Er dachte an die Kränkungen, die ihm seine Schwiegertochter ständig zufügte, vor allem in den letzten drei Jahren, seit sein Sohn Adam in Amerika lebte. Sie jagte ihn voller Bosheit aus dem Haus wie einen Hund, gab ihm nichts zu essen, und manchmal stieß sie ihn sogar.

"Schreib, mein Junge, schreib!", forderte er Andrejka auf. "Mein geliebter Sohn! Bin ich denn nicht Dein Vater? Habe ich nicht dieses Haus erbaut? War ich nicht immer ein guter Hausherr? Sieh, was für Schwielen ich an den Händen habe!" Er hob die Hände und zeigte sie den Schatten an der Wand. Seine Stimme zitterte, wurde schwach. Andrejka beugte sich über den Tisch und malte schnaufend große, ungelenke Buchstaben. Der Großvater putzte den Kienspan und fuhr fort, den Blick zur Wand gerichtet: "Adam, mein lieber Sohn! Sag mir, warum ich so ein schlimmes Alter erleben muss! Wofür werde ich bestraft? Ich bekomme Prügel und darf nicht mal weinen, wie man so sagt. Aber warum?" Das Gefühl unverdienter Kränkung erfüllte ihn mit Zorn. Er starrte in eine unbekannte Ferne, als erwarte er von dort eine Antwort auf seine Frage. Dann diktierte er weiter: "Gestern hat mich Audoccia, Deine Frau, diese Schlange..."

"Warte!", schrie Andrejka. "Ich komme ja gar nicht mit!"

Der Alte hielt inne wie ein aufgezäumtes Pferd, das man am Zügel zieht.

"Was hast du geschrieben, mein Guter?", erkundigte er sich. "Lass hören!"

"Bin ich denn nicht Dein Vater?" las Andrejka langsam vor. "Wie ging's weiter, Großvater, was hast du gesagt?"

Aber der Alte wusste nicht mehr, was er diktiert hatte. Er wollte in einem Atemzug alles aussprechen, alles loswerden, was ihm auf der Seele brannte. Sein Gefühl sagte ihm, dass er vor irgend jemandem sein Herz ausschütten musste, um sich einmal richtig Luft zu machen.

"Hm, ja..." Er versuchte sich zu erinnern. Alles weg. Hab's vergessen! Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist". Und er fuhr fort: "Gestern hat mich Deine Frau so vom Tisch gestoßen, dass ich mir fast meine alten Knochen gebrochen hätte. Faulpelz hat sie mich genannt. Ein altes Pferd ist das Futter nicht wert, wie man so sagt. Aber habe ich nicht diese Bank gezimmert? Und den Tisch, wer hat ihn denn gemacht, wenn nicht ich? Was Du auch ansiehst - alles ist mein Werk". Er hustete und hielt sich lange die Brust "Was soll ich denn tun? Soll ich mit einem Beutel in der Hand von Haus zu Haus betteln gehen? Das ist nichts für mich. Und ich habe nicht mal einen Beutel. O du, mein bitteres Los, bitter wie Wermut! Man will gar nicht, aber man lebt. Man geht den Berg hinauf, aber der Teufel hängt sich einem an die Beine. Warum, lieber Gott, schickst du mir nicht den erlösenden Tod? Ein solches Leben ist wie ein Mühlstein am Hals. Wer in die Tiefe stürzt, der greift auch nach einem Rasiermesser, wie man so sagt". Er hustete abermals. "Was will der Mensch? Wie? Es ist dummes Gerede, wenn jemand den Tod auf sein Haupt herabfleht. Aber ich wünsche ihn mir, wahrhaftig, ich wünsche ihn mir".

Aus seinen trüben Augen flossen Tränen. Er spürte sie auf seinen welken Wangen und tat sich selbst leid. Leise weinte er, unterdrückt, er schämte sich und murmelte mit seinem zahnlosen Mund, als schlürfe er heißes Wasser.

Mehrere Minuten vergingen. Der Greis fühlte sich erleichtert. Ihm war, als sei ein harter, brennender Klumpen in seinem Hals endlich hinuntergerutscht. Er zündete sich eine Pfeife an, putzte den Kienspan und setzte sich auf die Bank.

Andrejka war völlig aus dem Konzept geraten. Er kämpfte gegen den Schlaf und brachte keinen zusammenhängenden Satz mehr zustande.

"Sag doch, Großvater, was ich schreiben soll!"

"Gleich, mein Junge, gleich!", erwiderte der Alte ernst. "Schreib: ,Die Leute sagen: Hör auf andere, aber bewahr dir auch deinen eigenen Verstand! Die Wirtschaft führt sie, die Hexe, zum Gotterbarmen. Sie schneidet für den Hund Gras, wie man so sagt". Er zählte an den Fingern auf: "Der Falbe ist krepiert. Die Kuh hält sich kaum noch auf den Beinen. Das Heu ist verfault. Und wenn ich etwas sage, gibt sie mir eine bissige Antwort. Nichts kann man ihr recht machen. Ich kriege nicht mal was für ein bisschen Tabak. Ob ich Dich noch mal wiedersehe? Aus den Augen, aus dem Sinn, wie man so sagt. Ich werde immer schwächer, mein lieber Sohn. Die Mutter Erde zieht mich zu sich. Wer wird mir die Augen zudrücken? Wer wird eine anständige Totenfeier für mich abhalten? Wer wird eine Kerze anzünden für meine sündige Seele? Wie man sich auch dreht und wendet, dem Tod entgeht man nicht".

Er schwieg. Sein kahler Schädel zitterte.

Ein Nachtfalter kreiste um den brennenden Kienspan. Andrejka beobachtete ihn. Er legte den Federhalter hin und haschte nach dem Insekt, doch es entschlüpfte ihm sogleich wieder. Nur klebriger Staub blieb an seinen Fingern zurück. Der Junge gab die Jagd auf, und der Falter schwirrte weiter um die Flamme. Andrejka starrte zu ihm hin, bis seine Augen trübe wurden. über dem Großvater flimmerten bunte Kreise. Andrejka blinzelte. Der Großvater wurde immer kleiner. Alle Konturen verschwammen, und - der Schreiber schlief ein, wobei ein neues schwarzes "Brötchen" auf das Papier fiel, noch größer als das erste.

Der Greis überlegte lange. Die Frage jedoch, worüber er nachdenke, hätte er nicht beantworten können, Seine Gedanken gerieten durcheinander, als kehre in seinem Kopf jemand mit einer eisernen Gabel das Unterste zuoberst. In seiner alten Brust nagte ein beklemmender Schmerz.

"Mir ist ein Hase über den Weg gelaufen", sagte er und nickte. "Ich denke, ich habe niemandem auf der Welt etwas Böses getan. Habe die Zeit nicht vergeudet, andern das Brot nicht geneidet, wie man so sagt. - Schreib, Andrejka, schreib!"

Der Junge schnarchte. Die Katze sprang vom Herd, schlich sich lautlos zum Tisch, kletterte auf die Bank und schmiegte sich blinzelnd an Andrejka.

"Warum hast Du mich vergessen, mein Sohn?" Der Greis hob gekränkt die linke Hand. "Niemals schickst Du mir auch nur eine Kopeke, wo ich sie jetzt doch so dringend brauche!" - "Schreib, Andrejka, schreib, mein Junge!" Er sah gar nicht, dass sein Enkel längst schlief. "Bist Du denn nicht mein Sohn? Bin ich nicht Dein Vater? Wir sind doch wohl keine Fremden!"

Die straffgespannte wehmütige Saite riss plötzlich. Dem Alten fiel ein, dass sein Sohn ihn gebeten hatte, ihm alles zu schreiben, was im Dorf geschah. Also ging er auf das gewöhnliche Alltagsleben über, wo sich Trauriges in grotesker Weise mit wahrhaft Lächerlichem vermischte.

"Ach, Unsinn!" Er winkte ab. "Was bedeutet es schon, wenn der alte Arciom besser lebt? Sag nicht hopp, wenn du nicht springst! Mikicionak hat sich gestern in Dauhinava ein Pferd gekauft, aber es lahmt, der reinste Kadaver, man kann sagen, er hat dem Zigeuner, diesem kahlköpfigen Teufel, die vierzig Rubel geschenkt. Sie haben ihm das Fell über die Ohren gezogen. Sidars Ziege Tadora ist diesen Sommer gestorben. Dem Siomka hat Chalimon Bury auf einem fröhlichen Abend den Kopf eingeschlagen, und drei Tage später fuhr der in die andere Welt, mit Vater Abraham einen trinken, wie man so sagt. Sein Vater war genauso ein Raufbold - der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Schnaps schmeckt - seit drei Jahren, glaube ich, hab ich keinen getrunken. Niemand bringt mir welchen: Wenn das Kind nicht heult, begreift die Mutter nicht, dass ihm was fehlt. Schreib, Andrejka, schreib! - Niemand hat Mitleid mit einem alten Mann, dabei täte ein Gläschen, frisch wie Tau, meinen alten Knochen so gut, das Blut würde es mir aufwärmen. Sogar im Sommer friere ich im Pelz, die Kälte kommt aus den Knochen. Und der Pelz verfault mir auf dem Rücken. Wie man so sagt: Geschieht Vater recht, wenn ich an den Ohren friere, warum kauft er mir keine Mütze". Die Neuigkeiten kullerten aus seinem Mund wie Perlen vom Faden einer zerrissenen Kette. "Unser Shutschka bellt auch nicht mehr wie früher, er röchelt nur noch. Die Zeiten sind vorbei. - Schreib, Andrejka, schreib! -, Der holländische Hahn hat lange gemeckert, aber dann ist er doch noch uns allen zur Freude tüchtig gewachsen. Wie man so sagt: Wenn's so sein soll, dann geht auch Chalimon tanzen". Seine eigene Weisheit stimmte den Alten froh, und er war geneigt, sich mit der Welt auszusöhnen. "Nasta hat ihre Maryla mit Maxim, dem Schmutzfink, verheiratet. Vielleicht erinnerst du dich an den Jungen, er lief immer mit offenem Mund herum wie ein Hund, der Fliegen fängt. - Schreib, Andrejka, schreib! -, Na ja, ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn. Maciejs Frau, die vertrocknete Unke, wollte diesen Sommer..."

Hier stockte der Großvater plötzlich; der Kienspan war erloschen.

"Andrejka, Andrejka! Wo habe ich die Streichhölzer hingelegt?"

"Was?", Andrejka fuhr erschrocken auf. "Kaufst du mir Kringel für eine Kopeke?"

"Mach ich, mein Junge, mach ich. Wer A sagt, muss auch B sagen".

Aber Andrejka schlief schon wieder. Er träumte, sein Großvater habe ihm Kringel aus der Schenke mitgebracht. Die fädelte er auf eine Schnur, hüpfte damit durchs Dorf und sang:

 

Heißa, hussa, müder Gaul,

holla, hoppla, nicht so faul!

Janka, ganz Besitzerstolz,

fährt sein Fünfzig-Rubel-Holz

mit dem Hundert-Rubel-Schlitten,

mit der Viertel-Rubel-Mahre.

Hussa, holla, hoppla, hü!*

 

Der Alte ging hinaus in den finsteren Vorraum, um sich ein paar Eier zu holen, die er früh am Morgen auf den Markt ins Städtchen bringen wollte. Lange suchte er nach den Streichhölzern und schimpfte, als er sie schließlich an seiner Brust vorn im Hemd entdeckte.

Dann weckte er Andrejka, und sie gingen beide zum Schlafen in die Scheune.

Auf dem Weg dorthin murmelte der Großvater: "Na ja, keiner kann über seinen Schatten springen. Schreiben wir eben morgen den Brief zu Ende".

 

Vilnia, 1914




Крыніца: Belarussische Erzählungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Übersetzung: Hartmut Herboth

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